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Archive for März 2011

fragte mit leicht fassungsloser Stimme ein anderer Newbie auf der Fanbusfahrt nach Köln, als wir uns abends nach dem Spiel am Bus versammelt hatten und auf die Nachzügler warteten. Er hätte früher Fussball gespielt und wär schon verschiedentlich mit Bussen zu Spielen von Männermannschaften gefahren, aber diese Gefasstheit hätte er nie erlebt. Und dass hier die Leute standen und sagten: Frankfurt hat ja auch echt ne tolle Saison gespielt, und sie waren die bessere Mannschaft – das als Turbine-Fans, das machte ihn staunen.

Erklären konnte ich es ihm nicht. Aber empfehlen. Es macht gelassen und verhindert Magengeschwüre. Wahrscheinlich auch bei Männern. Einen Versuch ist es jedenfalls wert.

Diese Gelassenheit eint übrigens offenbar Spielerinnen und Fans gleichermaßen. Anna Felicitas Sarholz postete auf Facebook in musikalischer Weise ihren Kommentar zum Pokalfinale: Gewinnen kann jeder.

Und der Verein scheint sich ihrer Sicht anzuschließen, er setzt eine entsprechende Newsmeldung auf seine Webseite. Das nenne ich souverän verloren.

Und nächstes mal als Sieger!

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Wie gut, dass ich irre bin. Wie gut, dass Frau Dr. ebenfalls völlig gaga ist. Denn man muss echt bescheuert sein, um so etwas zu machen: Am Freitag nach einer Arbeitswoche, wenn man gerade von seinen Feierabendbieren so richtig bettschwer ist, den Arsch heben und ihn Richtung S-Bahn bugsieren. Wir sind ja in Berlin, da wird man ja wohl nach 1 Uhr noch mit der S-Bahn zum Zoo kommen. Weil von dortselbst geht um 1:30 der Fanbus nach Potsdam. Dort wird umgestiegen und ein müder Pulk in blau, mit Trommeln, Fahnen, Schals und Rasseln ausgestattet, ergießt sich in die bereitstehenden Busse. Das ist der Plan.

Mir ist ein wenig mulmig, wie wohl die Realität zu dem Plan so wird, jetzt, kurz vor dem Start. Ich wär schon ein wenig versucht, zu kneifen. Was natürlich nicht geht, gar nicht geht. Da musste jetzt durch.

Teil 1 des Plans funktioniert schon mal perfekt. Wir kommen am Zoo aus der S-Bahn und sehen Leute mit blauen Trikots und Schals neben einem Bus mit einem Fanschal im Fenster. Müde klettern wir in das Gefährt, das für die nächsten 28 Stunden quasi unser Zuhause sein wird.

Frau Dr. in vollem Ornat - und müde

Frau Dr. in vollem Ornat - und müde

Ich in vollem Ornat - und nicht viel wacher

Ich in vollem Ornat - und nicht viel wacher

Mit unseren aufblasbaren Nackenkissen können wir zumindest stundenweise halbwegs pennen. Vier Stunden sind es vielleicht, dann wird es zu hell und der Busfahrer schmeißt die Musik an. Immer abwechselnd eine Stunde Disco-Oldies wie Abba und Supertramp, dann wieder Schlager von der grauenhaftesten Sorge. Als wir uns dem Ziel Köln nähern, versucht der Fahrer es mit den Höhnern, aber beim preussischen Publikum springt der Funke sowas von gar nicht über. Viele sind, wie man den Gesprächen an Bord entnehmen kann, zum ersten Mal in Köln.

Die Folgen von Akustik-Folter mit Schlagermusik

Die Folgen von Akustik-Folter mit Schlagermusik

Immerhin, auf den letzten Metern durch Köln wirft der Fahrer noch mal die Turbine-Hymne ein, und die Fans singen mit: „Und rollt die Lawine vor, fällt bald ein Turbine-Tor. Jeder irrt sich der da spricht, so schnell schießen Preußen nicht. Die Langen Kerls sind lange schon passé, wir haben ja den 1. FFC!“

Nach dem Aussteigen machen wir uns selbständig, erst in der Hoffnung auf einen Brunch in der Brennerei Weiß, die bitter enttäuscht wird – ist offenbar nur Sonntags, wenn überhaupt noch. Also fahren wir zum Ebertplatz und suchen die Bäckerei épi auf, in der Neusser Straße 32. Hier ist ein echtes Stück Frankreich in Kölle zu Hause, die gigantischsten Croissants, Baguettes, und kleine Kügelchen aus Brandteig mit Hagelzucker drauf zum Kaffee.

Irgendwie muss man die Zeit bis zum Anstoß rumbringen. Wir spazieren den Rhein entlang, aber mich zieht es dann doch zum Müngersdorfer Stadion, das jetzt wie alle Stadien einen neuen Namen, nämlich den Namen von irgend so einem bescheuerten Unternehmen hat, welcher mir nicht über die Lippen kommt.

Wir verpassen ausgerechnet das geilste vom Vorprogramm, unter dem Titel Retro kicken ein paar ehemalige Nationalspielerinnen. Bis wir es geschnallt haben ist es zu spät und die Damen haben sich verstreut. Immerhin gelingen mir noch ein paar Schnappschüsse von Silke Rottenberg.

Silke Rottenberg im Gespräch mit Fans

Silke Rottenberg im Gespräch mit Fans

Annike Krahn hält einen Plausch mit ihren Ex-Kolleginnen, nachdem sie ihre Pflicht am Autogrammstand erledigt hat.

Was Silke Rottenberg und Saskia Bartusiak wohl so plauschen?

Was Silke Rottenberg und Annike Krahn wohl so plauschen?

Auf einmal schiebt sich Alex Popp in Begleitung einer ganzen Meute mit den Fanfreundschafts-Schals Turbine-Duisburg um den Hals durch die Menge. Ehe ich den Fotoapparat zücken kann, ist sie schon untergetaucht. Ein Mann stupst mich an und fragt, wer das war, das Gesicht käme ihm bekannt vor. Ich sage: Das war die Torschützenkönigin der U-20-WM und Nationalspielerin Alexandra Popp. Leider in Duisburg spielend und nicht in Potsdam. Vielleicht ändert sich das ja noch mal…

Wir müssen noch ein paar Songs von Michael Holm durchstehen. Auf der Bühne hüpfen 1. FC-Köln-Cheerleader im Grundschulalter herum, während Amateurmannschaften irgendwelche Pokale für ihr Gekicke auf den Stadion-Vorwiesen bekommen. Wir trinken uns die Sache schön, so gut es geht.

Überflüssig wie ein zweiter Kropf: Das Rahmenprogramm des DFB

Überflüssig wie ein zweiter Kropf: Das Rahmenprogramm des DFB

Endlich, im Stadion, riecht die Athmosphere endlich nach Fußball. Wir haben großartige Plätze. Richtige Sessel. Unser Turbine-Sitzkissen wird nicht gebraucht. Die Reihen des Fanblocks füllen sich langsam.

Micha und ein paar der Leute aus unserem Bus

Micha und ein paar der Leute aus unserem Bus

Mich quatscht ein Hochschullehrer aus der Sporthochschule Köln an, der hier am Rande des Spiels eine Umfrage macht. Er dürfe auf der Tribüne seine Fragebogen nicht verteilen, ob ich ihm helfen könne. Ich mache es mit dem Argument: Ey, der Typ ist der Betreuer von Viola Odebrechts Diplomarbeit. „Für Viola machen wir das!“ rufen etliche Leute und füllen brav die Zettel aus. Auch Frau Dr. und ich natürlich. Ich schreibe da rein, dass das Vorprogramm des DFB für mich so attraktiv wie die Beulenpest ist. Und dass die gottverdammtenscheißöffentlichrechtlichen Sender gefälligst mehr Fußball von Frauen bringen sollen.

Umfragen für Viola - ich mache mich zum Heinz für die Wissenschaft

Umfragen für Viola - ich mache mich zum Heinz für die Wissenschaft

Schließlich kommen unsere Stars und machen sich warm. Die Konzentration ist so nah zu spüren, man fühlt sich hier tatsächlich dichter dran als im kleinen Karl-Liebknecht-Stadion zu Hause. Ich zücke meine Kamera und halte den Zauber der Anspannung vor dem Spiel fest.

Im Vordergrund Corinna Schröder, Links hinten Bajmaraj und Mittag

Im Vordergrund Corinna Schröder, Links hinten Bajmaraj und Mittag, rechts Monique Kerschowski

Yuki Nagasato, die spätere Torschützin

Yuki Nagasato, die spätere Torschützin

Anja Mittag, Lira Bajmaraj und Josephine Henning, wenn ich das richtig sehe

Anja Mittag, Lira Bajmaraj und Tabea Kemme, wenn ich das richtig sehe

Josephine Henning und Viola Odebrecht

Josephine Henning und Viola Odebrecht

Monique Kerschowski winkt Felicitas Sarholz - die ein schlechtes Spiel machen wird

Monique Kerschowski winkt Felicitas Sarholz - die ein schlechtes Spiel machen wird

Aber Hoppla, auf einmal kommt Alex Popp vorbei, erklimmt die Tribüne und nimmt weiter oben Platz. So komme ich doch noch zu meinem Foto von ihr.

Lieber Fußballgott. Mit dem 1. FFC Duisburg ist zur Zeit nicht so viel los. Bitte mach, dass Alex nächste Saison nach Potsdam wechselt.

Alex Popp, der "Popp-Star" der U 20 WM war mit dem Verein zuletzt eher glücklos

Alex Popp, der "Popp-Star" der U 20 WM war mit dem Verein zuletzt eher glücklos

Die Mädels auf der Bank machen einen etwas gelösteren Eindruck als die auf dem Feld

Die Mädels auf der Bank machen einen etwas gelösteren Eindruck als die auf dem Feld

Der verkrampfteste Moment eines jeden Fußballspiels ist das Hymnensingen. Man müsste mal die Einlaufkinder fragen, ob die Damen hinter ihnen ihnen die Finger in die Schultern krallen. Einige machen das bestimmt…

blüh im Gla-han-ze dieses Glü-hü-ckes

blüh im Gla-han-ze dieses Glü-hü-ckes

Schon bald nach dem Anpfiff wurden die Potsdamer Befürchtungen wahr, es gab den ersten Gegentreffer durch ein Versagen der tief schlafenden Potsdamer Abwehr. Auch die Heldin von Getafe, Felix Sarholz sah bei diesem und dem zweiten Treffer in Halbzeit zwei nicht besonders gut aus. Ein zweiter Ausgleichstreffer für Potsdam wurde nach einem Einspruch der Linienrichterin wegen angeblicher Behinderung der Torhüterin Natze Angerer nicht gegeben – klare Fehlentscheidung, aber ein Ergebnis. Letzlich war das 2:1 für Frankfurt aber nicht unverdient, die Mannschaft spielte präziser und effizienter, unser Sturm war wackelig und Anja Mittag hatte überhaupt keinen guten Tag. Lira Bajmaraj wiederum war durch die Frankfurter Abwehr stets mit 3 Gegnererinnen lahmgelegt, so bald sie sich dem Frankfurter Strafraum auch nur näherte. Isabel Kerschowski, zu spät eingewechselt, versuchte das mit ihrer unglaublichen Kraft und Schnelligkeit noch aufzuknacken, aber ihre Pässe fanden nicht die Abnehmer. Tja Folks.

Nach dem Spiel: Felix knuddelt ihre Mutti und badet in der Menge

Nach dem Spiel: Felix knuddelt ihre Mutti und badet in der Menge

Felix Sarholz macht mich glücklich, als ich mich mit dem Edding bewaffnet nähere: Jetzt ziert ein Autogramm mein Trikot. „Silber im Pokal ist doch auch nicht schlecht“, antwortet sie auf meine Bemerkung, dass das nächste Spiel wieder ein Sieg wird. Unzufrieden wirkt sie nicht. Aber einen Anschiss vom Trainer hat sie bestimmt noch bekommen. Würde mich wundern, wenn nicht.

Auch Lira Bajmaraj verteilt Autogramme, neben ihr ein Fan mit kroatischer Flagge

Auch Lira Bajmaraj verteilt Autogramme, neben ihr ein Fan mit kosovarischer Flagge

Lira nimmt neben einer Freundin oder Verwandten ein Bad in der Menge, die eine kosovarische Flagge, schwarzer Adler auf rotem Grund, in der Hand hält.

Schließlich treten wir den Fußmarsch zurück zu unserem Bus an, es ist eine ziemliche Strecke. Pünktlich starten wir gen Berlin, die Stimmung im Bus ist verhalten. Vor uns fachsimpeln sie über das Spiel, und Verschwörungstheorien werden auch zirkuliert. Lira wolle nach Frankfurt wechseln, deshalb habe sie nicht richtig angegriffen. Solche Art Klatsch ist wohl leider unvermeidlich. Interessant auch, dass die Verschwörungstheoretiker davon ausgingen, dass Lira Coco Schröder mitnimmt, wenn sie geht.

Um vier Uhr Sommerzeit waren wir am Zoo, und wir gönnten uns ein Taxi nach Hause. Mein Fazit: Obwohl diese Fahrten verdammt anstrengend sind, muss ich noch mal eine machen. Schon allein deswegen, weil ich die Athmosphere im Bus nach einem Sieg erleben will.

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