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Archive for Oktober 2010

Pangboche, 12. Oktober 2010

Mein neuer Trick funktioniert. Wenn ich nachts mit Kopfschmerzen aufwache nehme ich nicht nur eine Ibu, sondern trinke auch jede Menge dazu. So geht es einigermaßen. Ich bin halbwegs ausgeschlafen für den großen Tag. Nicht so Frau Dr., die sich neben mir gewälzt hat und behauptet, ich hätte geschnarcht. Habe ich nichts gehört von. Und wenn, dann war nicht ich das sondern Waltraud. Ist doch bekannt dass Stofftiere schnarchen wie Harry! Heute erklimmen wir die größte Höhe unseres Treks und erreichen (hoffentlich) das Ama Dablam Basecamp.

Aber beim Frühstück herrscht schlechte Stimmung. Die Berge sind schon wieder in Wolken gehüllt. In Lukla ist jetzt schon vier Tage kein Flugzeug geflogen. Das Durcheinander dort möchten wir uns nicht ausmalen. Wir sind jetzt weniger schadenfroh, als vielmehr allmählich auch etwas besorgt um unseren Rückflug.

Bereits um kurz nach 7 brechen wir auf. Wieder haben wir Lunchpakete dabei, im Rucksack von Tej und Pasang. Es geht zunächst steil bergab zum Dhut Kosi, über eine Brücke und genauso steil den Bergrücken gegenüber hinauf. Alle paar Meter muss ich anhalten und Luft schöpfen, ich quäle mich, und es als wären die Beine festgeleimt, geht es überhaupt voran? Auf 4.200 m bin ich sicher, dass ich es niemals zum Ama Dablam Basecamp schaffen werde. Das ist der Moment der Kapitulation: Ich überlasse meinen Tagesrucksack Pasang. Frau Dr. hingegen trägt ihren, und sie marschiert fast unbekümmert weiter. Wie schmachvoll! Auch die Stofftiere betrachten mich mit Verachtung.

Das meiste hier ist der Nuptse, irgendwo guckt ein bissel Everest raus

Das meiste hier ist der Nuptse, irgendwo guckt ein bissel Everest raus

Wir kommen um eine Bergflanke herum und erreichen ein Hochplateau. Endlich eine längere Passage, die nur moderat ansteigt. Und was das beste ist: Die Wolken reißen auf und geben den Blick auf die Achttausender frei, und auf ihre kleineren Geschwister.

Ein Stück fast flacher Weg vor dem Ama Dablam Basecamp

Ein Stück fast flacher Weg vor dem Ama Dablam Basecamp

Der weitere Vorteil der guten Sicht ist, dass jetzt öfter angehalten wird. Die konditionellen Cracks wollen ihre Fotos machen, und die lahme Ente darf derweil durchatmen.

Posing vor dem Everest

Posing vor dem Everest

Natürlich kommt dann noch eine steile Passage, eine ziemlich lange steile Strecke sogar. Aber jetzt schlapp zu machen geht wirklich nicht. Da habe ich schon meinen Rucksack abgegeben, bin bis 4.500 m gekommen, und die letzten 100 Höhenmeter sollen nicht mehr möglich sein? Nee, das geht nicht.

Immerhin gibt es jetzt endlich mal klare Sicht auf Berge, keine Wolkenschleier. Boah!

Und das nicht nur in eine Richtung, sondern ringsum. Viele, viele große Berge. Und ich so klein. Uiiiii.

Ama Dablam Basecamp

Ama Dablam Basecamp

Schließlich erreichen wir das Ama Dablam Basecamp. Zelte stehen dort, ein größeres Küchenzelt, und etwas abseits eine aus Holz gezimmerte Donnerbalken-Toilette. Das Camp ist natürlich verlassen, denn die Bewohner beklettern gerade den Ama Dablam. Nur im Küchenzelt machen sich ein paar Leute zu schaffen.

"Schwächlinge!" rufen Biggi und Waltraud aus Holgers Rucksack

"Schwächlinge!" rufen Biggi und Waltraud aus Holgers Rucksack

Holger nimmt Biggi und Waltraud, um sie auf 5.000 m zu tragen. Wir sehen von einer Seite schon wieder eine Wand aus Wolken aufziehen, und vor allem ist der Ama Dablam in Wolken gehüllt, dorthin wollen die anderen ja gehen. Vor diesem Hintergrund sehen Frau Dr. und ich nicht wirklich den Sinn darin, uns da noch raufzuschleppen. Die Stofftiere verachten uns zwar dafür, aber die Tour dürfen sie mal alleine machen. Wir kehren mit Pasang zusammen um. Für den Abstieg nehme ich meinen Rucksack wieder, und auf geht’s.

Bei schönstem Sonnenwetter verspeisen wir unsere Lunchpakete auf dem Hochplateau, windgeschützt in einer Senke, mit Blick auf Nupte, Everest und Lhotse. Lass die anderen doch im Nebel wandern, wir genießen das Leben!

Der Abstieg ist dann teilweise anstrengend, weil sehr steil und durch trockenes Geröll rutschig. Jeder Schritt erfordert volle Konzentration. Aber gegen halb drei haben wir wieder unsere Lodge erreicht. Wir duschen (warm natürlich), ziehen uns um und löffeln eine warme Suppe. Dann gehen wir ins Aussichtszimmer. Die Chronistin dieser Zeilen schreibt Tagebuch, Frau Dr. liest.

Tagebuch schreiben im Aussichtszimmer

Tagebuch schreiben im Aussichtszimmer

Irgendwann weise ich auf winzige Punkte in der Ferne: Das sind sie. „Meinst Du wirklich?,“ fragt Frau Dr. „Doch“, sage ich, „das winzige rote Pünktchen da an dem Hang das ist Renata. Schau, sie bewegen sich fort.“ Eine Stunde später, gegen halb fünf, sind die Anderen tatsächlich da.

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Pangboche, 11. Oktober 2010

Die erste Nacht auf fast 4.000 m war nicht so schlimm wie befürchtet, aber immerhin gut für zwei 600er Imbun, und nach der zweiten merkte ich es dann doch im Magen. Aber das wichtigste morgens ist der Blick aus dem Fenster, die Frage nach dem Wetter. Heute ist der Befund durchwachsen. Sonne, ja. Aber auch Wolken.

Mit ohne Wolken wär es schöner...

Mit ohne Wolken wär es schöner...

Es tröstet wenig zu erfahren, dass das Wetter für einen Oktober total ungewöhnlich ist. Normalerweise gibt es um diese Jahreszeit NIE so viele Wolken und so viel Nebel. Aber normalerweise ist normalerweise, und jetzt ist jetzt. Unsere Gruppe möppert und grummelt immer stärker. Der arme Tej kann ja nix für das Wetter, aber er ist die Klagemauer.

Immerhin, manchmal sieht man was

Immerhin, manchmal sieht man was

Heute ist Akklimatisationstag. Ein wenig leichte Bewegung auf unserer Höhe und etwas darüber. Wir bekommen Lunchpakete mit, die an einem Punkt mit schöner Aussicht verspeist werden sollen – wenn das Wetter mitspielt.

Die Stofftiere posen vor dem Lhotse

Die Stofftiere posen vor dem Lhotse

Was ist schon leichte Bewegung? Seit Andrea in Tachinga geblieben ist, bin ich eindeutig die lahme Ente der Gruppe. Frau Dr., der ich beim joggen zu Hause leichtfüßig davon gelaufen bin, ist hier klar im Vorteil. Schwierig für mich. Ich muss ja nicht unbedingt die fitteste sein, aber ständig diejenige zu sein, die um eine Pause bitten muss, ist echt ätzend.

Lahme Ente im Hochgebirge

Lahme Ente im Hochgebirge

Sobald es steil wird, gehe ich buchstäblich am Stock. Ich fühle mich wie 80. Es fühlt sich an als würde ich rennen und rennen um die Straßenbahn noch zu erwischen, genau wissend es geht nicht schneller – nur habe ich dabei tatsächlich etwa das halbe Tempo einer durchschnittlichen Schnecke.

Das Foto da oben ist übrigens das letzte von meiner Sonnenbrille. Die war ein Geschenk von Frau Dr. Für das Foto unten habe ich sie abgenommen, tja und dann fiel sie mir runter. Bei den Mengen von Menschen, die hier unterwegs sind und die eine teure Sonnenbrille nicht verschmähen war klar, dass die Suche nach ihr erfolglos bleiben würde, was sie dann auch war.

Für immer ohne Sonnenbrille

Für immer ohne Sonnenbrille

Unterwegs überholt uns ein Reiter auf dem, was Tej den „Himalaja-Ferrari“ nennt, das an die Höhe angepasste schlanke und zierliche, aber durchaus zähe Pony. Es ist relativ selten zu sehen, weil es ein Luxus-Fortbewegungsmittel ist. Denn es ist teurer im Unterhalt als die eigenen Füße zu bemühen, und es kann im Vergleich zum Yak oder Zopiok kaum Lasten tragen. Der Reiter hat offenbar als Ziel die Klinik bei Pheriche, ein Zentrum für die Behandlung von Höhenkranken. Denn schon eine knappe Stunde später sehen wir Pony und Reiter wieder. Diesmal führt letzterer sein Tier, und auf dem Sattel sitzt ein Tourist mit Sauerstoffmaske im Gesicht. Ab nach unten so schnell wie möglich, das ist die Devise bei Höhenkrankheit. Alternative: keine. Kommentar von Tej: „Das ist normal. Das haben wir jede Saison.“

Wir gehen nur bis zum nächsten Dorf und ein wenig darüber hinaus. Dann zieht es sich schon zu, und es ist klar dass der Aussichtspunkt keine Aussicht bieten wird.

Frau Dr. trägt beide Stofftiere, so fit ist sie

Frau Dr. trägt beide Stofftiere, so fit ist sie

Etwas ratlos stehen wir herum. Trotzdem weitergehen? Bis wohin? Oder einfach umkehren? Mit dem aufziehenden Nebel wird es allerdings auch recht kühl, das macht es nicht besser. Also teilt sich bei etwa 4.200 m die Gruppe. Der größere Teil mit Frau Dr., den Stofftieren und mir steigt zusammen mit Pasang ab, der ständig unterforderte, penetrant fitte Roland und Gaby steigen zusammen mit Tej noch ein wenig auf.

Wir schlendern wieder runter, Zeit haben wir wahrlich genug und wir müssen heute nirgendwo mehr hin, und da kommt uns der Gedanke einfach mal so in eine Lodge einzukehren am Wegesrand, ohne dass das groß geplant ist. Quasi anarchistisch. Wir nötigen Pasang, mitzukommen und setzen uns da einfach rein, ordern Tee und faulenzen rum. Grit kann die Pause gut gebrauchen, sie fühlt sich grippig, ist leichenblaß und sie sieht gar nicht so aus, als würde sie unser für morgen geplantes Programm (Ama Dablam Base Camp auf 4.600 m mit der Option zum Aufstieg auf den Ama Dablam bis auf knapp über 5.000 m) packen können.

Es dauert aber nicht lang, und schon kommt Tej mit den anderen beiden. Er schaut kurz in die Küche und entscheidet dann, selbst keinen Tee hier trinken zu wollen. Das stimmt mich dann doch nachdenklich, und ich lasse den Rest Tee stehen.

In Pangboche gibt es den Luxus unterirdischer Stromleitungen

In Pangboche gibt es den Luxus unterirdischer Stromleitungen

Wir sind schon gegen halb zwei wieder zurück in unserer Lodge und verzehren dort unsere Lunchpakete. Dazu gibt es eine warme Suppe und Tee, den man bedenkenlos trinken kann. Wir dösen ein wenig auf unserem Zimmer und treffen uns dann um vier wieder mit Tej. Die Teile der Gruppe, die noch Klöster ertragen können (also Roland schon mal nicht), haben die Gelegenheit, sich das Kloster Pangboche anzuschauen.

Das Kloster liegt natürlich ein wenig oberhalb, Tej springt leichtfüßig vorweg, und ich bin ja so dankbar, dass es Frau Dr. ist, die ihn bittet etwas langsamer zu gehen. Das Kloster Pangboche gehört zu den drei ältesten des Khumbu. Die drei sollen nach der Legende von drei Brüdern gegründet worden sein, die durch geflissentliche Meditation und religiöse Praxis besondere Zaubertalente erworben haben. Der Gründer des Klosters in Thame konnte Eisen zu einem Knoten biegen. Der Vater des Klosters in Pangboche verstand es, den typischen weißen Gebettschal auf einem Sonnenstrahl aufzuhängen. Und der dritte Bruder, der in der Nähe von Lukla das einzige der drei Klöster gegründet hat, welches wir nicht besucht haben, konnte fünf Reiskörner der Länge nach aufeinander stapeln.

Pangboche

Pangboche

Trotz der langen Tradition, das Kloster in Pangboche wirkt sehr viel ärmlicher als Tengboche. Auch in Tengboche gibt es einen Stein, der angeblich die Abdrücke eines großen Heiligen aufweist. In Pengboche ist es ein mutmaßlicher Hintern-Abdruck, so ein Heiligen-Hintern ist demnach offenbar so energiegeladen, dass er sich bei Berührung direkt zentimetertief in Granit fräst. Nun ja, da möchte man so einem Heiligen lieber nicht artig die Hand geben.

Was mich echt bekümmert, ist der Erhaltungszustand des Klosters. Dort prangt das älteste erhaltene Mandala, und es sieht nicht so aus als wäre jemals ein Versuch unternommen worden, es zu konservieren. Wir spenden natürlich auch hier, aber ich frage mich ob nicht auch das Nachbarkloster Tengboche etwas von seinem Reichtum zugunsten der Kulturdenkmäler von nebenan geben könnte? Denn der Pracht ist dort ja wirklich genug.

Unsere Lodge in Pangboche mit dem Aussichtszimmer

Unsere Lodge in Pangboche mit dem Aussichtszimmer

Wir gehen dann noch in das kleine Gebäude, in dem eine Art große Gebetstrommel steht, sie heißt so ähnlich wie Trommel des Lebens. Man muss sie entweder ein mal oder drei mal drehen (aber niemals zweimal), indem man unten heraushängende Seile packt und drumherum rennt, natürlich immer links rum. Dann tönt im Inneren eine Glocke und man hat wieder mal ein wenig was fürs Karma gut gemacht. Tej rennt so schnell, dass mir schwindelig wird. Es gibt auch mit Wasser betriebene Gebetsmühlen, aber die meisten von denen die wir sehen funktionieren gerade nicht.

Das Abendessen bietet eine Sensation: Es gibt Ministrone, Spaghetti Bolognese, Pizza! Wir stürzen uns darauf als hätte es tagelang nichts gegeben. Und als Nachtisch so eine Art Marzipankugeln in einer Schoko-Rumsauce, Hölle, das ist eine Sünde wert!

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Pangboche, 10. Oktober 2010

Nach einer Nacht, die vielleicht ein wenig besser war als die letzte, kam ich wie immer hauptsächlich kaffeedurstig und nur mäßig am Frühstück interessiert hinunter in den Gastraum der Lodge von Tashinga. Heute soll es nach Pangboche gehen, auf 3.985 m, und davor habe ich Respekt. Noch einmal fast 500 m höher zu schlafen, ob das noch mehr Kopfschmerzen nachts bedeutet?

Andrea teilt den anderen mit, dass sie in Tashinga bleibt. In drei Tagen werden wir über Tashinga nach Lukla zurückkehren, dann schließt sie sich der Gruppe wieder an. Chitis bleibt bei ihr, damit sie zwischendurch Ausflüge unternehmen kann. Angesichts ihrer konditionellen Probleme und ihrer Probleme mit der Höhe ist Andreas Entscheidung vernünftig. Und sie scheint damit auch zufrieden zu sein.

Vorsicht Gegenverkehr

Vorsicht Gegenverkehr

Wir starten früh, noch vor halb acht, bei noch klarer Sicht, die aber schon von ersten Wolken beeinträchtigt wird. Immerhin – nach dem Suppenküchen-Wetter gestern ist jeder Zipfel Berg ein Foto wert, und jeder Sonnenstrahl willkommen.

Jedes Fitzelchen Berg ist ein Foto wert

Jedes Fitzelchen Berg ist ein Foto wert

Auch hier teilen wir uns den Pfad nicht nur mit Yaks, sondern auch mit vielen, vielen Trägern, die teilweise unvorstellbare Lasten mit sich tragen. Tej weist uns auf einen der traditionellen Tragekörbe hin, in den fünf Kerosin-Kanister à 20 Liter gestapelt sind, das macht 100 Kilo.

Tragelasten

Tragelasten

Wie eigentlich immer steigen wir zunächst ab, um dann einen zum Teil sehr steilen Aufstieg zum berühmten Kloster Tengboche zu nehmen. Das Kloster ist das farbenfroheste und größte, das ich bisher gesehen habe. Seine Pracht verdankt es vor allem dem Tourismus, denn mit den Geldern aus Spenden von Touristen und dem Eintritt für das berühmte Mani Rimbu Dance Festival wurde es nach dem Brand von 1989 wieder aufgebaut. Erbaut wurde das Kloster erst 1923, und zählt damit nicht zu den alten, traditionsreichen Häusern wie Thame.

Von Tengboche hat man eigentlich eine hervorragende Sicht auf die Berge. Eigentlich, denn als wir kurz vor 11 das Kloster erreichen, sind bereits Wolken aufgezogen und schränken die Sicht ein. Dennoch lassen es sich unserer Auftraggeber, die Stofftiere Biggi und Waltraud, nicht nehmen, für ein Foto zu posieren.

Stofftier-Touristen im Khumbu

Stofftier-Touristen im Khumbu

Auf unser nachhaltiges Drängen hin sind die beiden auch bereit, ein gemeinsames Foto mit ihren Trägerinnen zu machen.

Die Stofftiere und ihr Personal

Die Stofftiere und ihr Personal

Wir gehen kurz ins Kloster hinein und haben Glück, der Herstellung eines Mandala aus farbigem Sand beizuwohnen. Vier Mönche sitzen auf dem Boden um ein Brett herum und streuen mit feinen Röhren farbigen Sand darauf, der ein farbenfrohes, aber sehr kleinteiliges und hochpräzise ausgeführtes Muster ergibt. In einem Kreis ein Quadrat, in diesem wieder viele Linien und Formen und Farben. Das Mandala hat eine immer gleiche Konstruktion mit genau festgelegten Mustern und Motiven, die genau nachzuvollziehen sind, ohne einen einzigen Fehler. Radieren kann man Sand nämlich nicht. Tage dauert es, bis das Muster fertig aufgeschüttet ist, und am Ende wird es in einer Zeremonie in den Wind gestreut werden, um damit Frieden zu verbreiten. Ich habe eine neue Metapher: Mühevoll und vergänglich wie ein Mandala aus Sand.

Der Eingang zum Kloster Tengboche, im Vordergrund steht Tej

Der Eingang zum Kloster Tengboche, im Vordergrund steht Tej

Tengboche

Tengboche

Wir essen in einer frisch modernisierten, das heißt quasi auf dem alten Standort neu errichteten Lodge zu Mittag. Frau Dr. will die noch alten Außentoiletten fotografieren, die gerade offen stehen (im Gebäude gibt es innen moderne Toiletten). Aber Tej eilt herbei und schließt schnell die Türen.

So sehen die Toilettenhäuschen gut aus. Ihr Inneres bleibt Geheimnis.

So sehen die Toilettenhäuschen gut aus. Ihr Inneres bleibt Geheimnis.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Das Essen ist auch hier leckerst, wir trinken Unmengen heißen Tee und ruhen uns aus. Das zweite Stück des Tages, der Aufstieg nach Pangboche ist schließlich noch ein hartes Stück Weg. Nach dem Mittagessen verlässt uns Natascha und kehrt nach Tashinga zurück, sie hat irgendwelche Pläne. Niemand findet es schade.

Von links nach rechts: Gaby, Natascha, Holger, Grit, Roland

Von links nach rechts: Gaby, Natascha, Holger, Grit, Roland

Roland hat gestern an einem Haufen Mani-Steine in vier Himmelsrichtungen je eine sonnengelbe Blume angebracht und dazu allerlei heilig klingenden Brabbel von sich gegeben. Das Werk seines Schamanismus sind immerhin einige wenige Sonnenstrahlen und ein Teil-Blick auf den Everest (der hier aber sowieso schon ziemlich stark durch den Nuptse verdeckt ist). Wir erklären Roland zu unserem Schamanen und drängen ihn, noch etwas mehr zu zaubern. Ausgerechnet Roland! Er hat schon lange die Nase voll von den ganzen Klöstern, den ewigen Mani-Steinen und den Gompas. Aber bei den Christen ist ja auch unbekannt, ob Gott überhaupt katholisch ist.

Kurz nach Tengboche in einem kleinen Ort gibt es eine Lodge mit Internetzugang. Fast die gesamte Gruppe möchte die Chance nutzen, Mails nach Hause zu verschicken. Frau Dr., ich und die Stofftiere gehen derweil mit Pasang weiter. Gaaanz langsam, obwohl der Weg gerade leicht ist, also ausnahmsweise mal geradeaus geht.

Ein Dorf nahe Tengboche

Ein Dorf nahe Tengboche

Schon bald haben uns die anderen eingeholt, und dann beginnt auch schon der Aufstieg nach Pangboche. Ich keuche sobald es steiler wird, selbst im Schleichtempo, fast als würde ich rennen.  Immer scharf an meiner Leistungsgrenze, so fühlt es sich an, aber dann sind wir doch schneller am Ort als ich gedacht hatte. Pengboche ist erstaunlich groß und ausgedehnt, es gibt eine Menge Lodges, Restaurants und Läden. Hier ist alles noch einmal teurer als in Tashinga, klar, jeder Meter Weg von hier nach Lukla bringt Transportkosten mit sich. Das Bier in den Lodges wird Pro Station um 25 Rupien teurer, das Flaschenwasser auch.

Unsere Lodge hat für uns einen frisch gebackenen Bananenkuchen bereit. Wir beziehen unsere gemütlichen Zimmer und erkunden die Lokalität. Es gibt ein Aussichtszimmer (heute ohne Aussicht), das abends beheizt wird und in dem man sich bequem fläzen, Tee trinken, Tagebuch schreiben und lesen kann.

Frau Dr. und die Stofftiere fläzen sich im Aussichtszimmer

Frau Dr. und die Stofftiere fläzen sich im Aussichtszimmer

Irgendwie geht die Zeit nicht rum, bis endlich Abendessen ist. Und dann ist es plötzlich doch so weit, weiß der Teufel wie das immer geht. Zeit ist sowieso was komisches.

Die Stofftiere beim Abendessen: Suppe mit Momos

Die Stofftiere beim Abendessen: Suppe mit Momos

Es gibt Buffet. Der Raum ist voll mit drei Reisegruppen, zwei Gasöfen bullern vor sich hin, und auch unter den Behältern mit den Köstlichkeiten vom Buffet stehen Brenner. Holger erwähnt kurz die Tatsache, dass die vielen Menschen in dem kleinen Raum, die vielen Flammen und der ohnehin geringe Sauerstoffgehalt in der Höhe von 4.000 m vielleicht, zusammengenommen doch ein wenig viel… und ich überlege, ob ich jetzt Panik bekommen soll zu ersticken. Wie schnell geht so was eigentlich? Aber dann denke ich: die anderen sitzen auch noch ganz quicklebendig da. Trotzdem, ganz geheuer ist es mir nicht. Wir bewegen die Leute dazu, die bullernden Gasöfen ein wenig zu drosseln.

Tej erzählt uns, dass in Lukla heute schon den zweiten Tag nichts geflogen ist. Dort bricht jetzt das Chaos aus. Leute kommen nicht weg und nicht hin, haben Angst um ihre Anschlussflüge, bestimmt unschön. Am Nebentisch sitzt ein Typ mit einer üblen Protzuhr, so ein Teil das mehr kostet als ein Mittelklassewagen und trotzdem einfach scheiße aussieht. Der will mit einem Hubschrauber ausfliegen morgen. Wenn das geht.

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Tashinga, 9. Oktober 2010

Nach einer sehr durchwachsenen Nacht (ich wachte mehrmals mit Kopfschmerzen auf und die Tabletten helfen nur kurzfristig) wache ich auf und fühle mich wie grädert und flau im Magen. Das Zähneputzen verursacht Brechreiz und wird deshalb abgebrochen. Ein Blick aus dem Fenster hellt die Stimmung nicht eben auf: dichter Nebel umwabert unsere Lodge.

In Tashinga wachsen die Kohlköpfe aus Trockenmauern heraus

In Tashinga wachsen die Kohlköpfe aus Trockenmauern heraus

Immerhin weckt der Kaffee meine Lebensgeister, wohl mehr wegen der Flüssigkeit als wegen des Koffeins, das in der dünnen Brühe nur in Spuren vorhanden sein kann. Aber Hauptsache es hilft. Nach dem Frühstück versammelt sich eine maulige und missgelaunte Gruppe vor der Lodge, etwa nach dem Motto: Schlechtes Wetter haben wir nicht gebucht. Was soll das?

Nun ist es so, dass man Wetter nicht buchen oder kaufen kann, ebensowenig wie Gesundheit und viele andere Dinge. Wem es gefällt, der mag sich damit beschäftigen wie schade es ist, keine Sicht zu haben, und sich den ganzen lieben Tag lang darüber ärgern. Wem es nicht gefällt, der konzentriert sich eben auf anderes. Also begebe ich mich ganz nach vorn in unserer Gruppe, möglichst außer Hörweite von dem Gemecker.

Hier sollte der Everest zu sehen sein. Frau Dr. klagt den Nebel an

Hier sollte der Everest zu sehen sein. Frau Dr. klagt den Nebel an

Ich konzentriere mich auf  den Rhythmus meiner Schritte und den Weg, geradezu einlullend ist das. Ich genieße es, dass die Strecke heute relativ leicht ist und überwiegend bergab geht. Ich höre Tej zu, der Witze macht und Geschichten erzählt, um die Stimmung aufzulockern. Plötzlich springt er seitlich in die Büsche und kommt mit einem Pilz wieder, mit sandfarbener Kappe und rotem Stiel. Das ist der Auftakt zu einer munteren Pilzsuche, und ich versuche auch, die Pilze an den Abbruchkanten zum Weg hin zu finden, wo sie sich meist zwischen bloßliegendem Wurzelwerk verstecken. Allerdings muss ich im Unterschied zu Tej aufpassen, dass ich mich nicht auf die Nase lege dabei. Die gesammelten Pilze gibt Tej an Pasang weiter, und ich bin gespannt was weiter damit geschehen wird.

Mittags erreichen wir Khunde und statten der Hillary School einen kurzen Besuch ab. Sir Edmund Hillary, der große Wohltäter dieser Region, hat mit dieser Schule die überhaupt erste in dem Gebiet gegründet. Dort ist heute kein Unterricht, weil eine für die Einwohner eine kostenlose Augen-Vorsorgeuntersuchung angeboten wird. Auf Plakaten wird für die Reihenuntersuchung geworben. Außerdem gibt es Plakate, die mit bunten Bildern gesunde Ernährung und die richtige Pflege von Kleinkindern erläutern. Solche Plakate habe ich nur in Khunde gesehen, nirgendwo sonst. Ich sehe mir die Schlange vor der Untersuchung an und stelle fest: Es sind fast nur alte Leute und Kinder da. Auch hier zieht es die arbeitsfähige Generation in die Stadt.

Die Hillary-School in Khunde, Glaukom-Reihenuntersuchung

Die Hillary-School in Khunde, Glaukom-Reihenuntersuchung

Wir essen zu Mittag in einer kleinen, einfachen Lodge.

Kartoffeln, Momos und Mangold - Waltraud und Biggi beim Mittagessen

Kartoffeln, Momos und Mangold - Waltraud und Biggi beim Mittagessen

Die traditionellen Häuser bestehen aus zwei Räumen. Einer ist die Küche, in der auf offenem Feuer gekocht wird, der andere ist der Raum für alles andere, und jetzt eben der Gastraum. An den Wänden entlang befinden sich Bänke, die nachts das Schlaflager der ganzen Familie und gegebenenfalls ihrer Gäste sind. Tagsüber werden die Decken weggeräumt, sie stapeln sich unterhalb der Fenster und in Schränken an der Wand zur Küche hin. Vor den Bänken stehen kleine Tische. Immerhin ist der Boden hier mit Holzdielen versehen, in der Küche ist es gestampfter Lehm. Auch dort befindet sich eine Bank neben dem offenen Herd, und dazu ein Tisch. Im Gast- und Schlafraum befindet sich kein Ofen, und eine andere Lichtquelle als Tageslicht und gegebenenfalls Kerzen oder Kerosinlampen gibt es auch nicht. Die Toiletten sind ein Verschlag außerhalb, in der Regel ein Loch im Holzboden, von dem aus die Hinterlassenschaften einen Hang hinunterlaufen. Waschen muss man sich ebenfalls draußen, an der Wasserleitung, die ein Schlauch aus Plastik ist. Wir haben auf dem Trek mehrfach Sherpafrauen gesehen, die sich vor ihren Häusern die Haare gewaschen haben. Sie sind dabei natürlich angezogen, bloß die Schultern liegen frei. Im Winter sind die Leitungen freilich eingefroren. Was machen die Leute dann?

Es gibt auch Schönheiten, die man bei schlechter Sicht genießen kann. Edelweiss und Enzian, diese beiden Pflanzen hätte ich den Alpen zugeordnet, aber nicht dem Himalaja. Tatsache ist, dass Edelweiss hier wie Unkraut wächst, und dass es als Futterpflanze gesammelt wird. Und Enzian blüht auch allüberall.

Biggi und Waltraud im Edelweiss

Biggi und Waltraud im Edelweiss

Wir besichtigen kurz das Kloster in Khunde, das Guru Rinpoche gewidmet ist, einer historischen Figur, die den Buddhismus in Tibet eingeführt hat. Die Meditationsräume haben immer den gleichen Aufbau. An der Stirnseite gegenüber dem Eingang befindet sich der Altar mit den Bildern von Heiligen, aber oft auch mit Fotos von wichtigen Lamas, wie zum Beispiel dem Dalai Lama (der aber nicht der wichtigste von ihnen ist). Im 90°-Winkel dazu, genau in der Mitte des Raumes sind Plätze für die Mönche, in zwei Reihen einander gegenüber, jeweils mit einer niedrigen Bank auf der Instrumente und Schriften abgelegt werden. Zur Tür hin hängt eine große Trommel. An den Wänden sind ansonsten Fächer, in denen die heiligen Schriften aufbewahrt werden. Der Raum ist also gleichzeitig die Bibliothek. Die Schriften sind jeweils sorgsam in Tücher gehüllt. Etwa die Hälfte des Bestandes ist in Sanskrit verfasst, das kaum einer mehr entziffern kann, auch von den Mönchen oder den Lamas. Deshalb gibt es Übersetzungen, die aber auch sehr alt sind und die viele Begriffe aus dem Sanskrit verwenden, also ebenfalls für Zeitgenossen schwer zu deuten sind. Das Schriftstudium ist neben der Meditation ein wichtiger Teil der religösen Praxis, insofern unterscheidet sich der Buddhismus nicht von den abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam). Allerdings gibt es dort – wenn ich das richtig verstanden habe – keinen personalen Gott. Es gibt zwar religöse Vorbilder, aber die sind im wesentlichen Weiterentwicklungen dessen, was wir potenziell auch sein können, wenn auch viele Inkarnationen, Meditationen, Disziplinübungen und gute Werke später. Das ist etwas, was die Sache sympathisch macht: das der Buddhismus das Potenzial zum „göttlichen“ in allem vermutet, was lebt. Es bringt einen Respekt mit sich, der spürbar ist.

Was mir als einen Menschen, der sehr am Leben hängt jedoch nicht unmittelbar zugänglich ist, ist der Gedanke der Erlösung im Nirvana, und die damit verbundene recht pessimistische Sicht auf das Leben als eines im wesentlichen mühseligen Kreislaufs, den es zu überwinden gilt. Ich frage mich: was ist mit der Freude am Leben? Wenn ihr mich heute vor die Wahl stellt, das Leben zu wählen oder ohne Umweg direkt das Nirvana, meine Wahl wäre klar. Schon allein der Menschen wegen, die ich liebe. Mag sein, dass ich so empfinde wie ich empfinde, weil ich zufällig in einem Land wohne, in dem das Leben insgesamt recht komfortabel ist. In dem höchste und gefährlichste Not vielfach abgewendet werden, Gefahren vorgebeugt werden kann, es vielerlei Schutz gegen Willkür und Gewalt gibt. Und es mag sein, dass ich über das Nirvana (oder eine andere Vorstellung von Erlösung) anders denke, wenn ich einmal 90 Jahre alt bin, die Knochen schmerzen, meine Lieben bereits tot sind, und der Alltag schon rein körperlich eine Belastung wird. Aber heute, jetzt, frage ich mich: Was ist das Nirvana anderes als der Tod?

Wir besuchen kurz Khumjung, das als am typischsten geltende Sherpa-Dorf. Dort ist der Baumbewuchs zu karg, um mit Brennholz heizen zu können. Wir kommen an einem Mann vorbei, der einen Tragekorb voller Yakscheiße bei sich hat. Nur mit einem Stück Plastikplane bewaffnet greift er hinein, klebt Batzen davon an eine Mauer und drückt sie zu Fladen flach, damit die Sonne sie trocknet. Stinkt natürlich furchtbar. Auf dem Pfad kommen uns jetzt immer häufiger echte Yaks entgegen. Unter 3000 m können die Yaks nicht leben. Deshalb behilft man sich dort mit den Zopioks, den Kreuzungen aus Yak und Rind. Die echten Yaks sind größer, haben langes Fell und wirken durchaus respekteinflößend.

Echte Yaks in Khumjung

Echte Yaks in Khumjung

Tej erzählt uns die Geschichte von einem alten Streit zwischen den Yaks und den Wasserbüffeln, der bis heute andauert. Einstmals hätten nämlich die Wasserbüffel das lange, dichte Fell gehabt. Nun sind die Wasserbüffel vom Charakter her eher träge und bequem, die Yaks hingegen tatendurstig. Beide Brudergattungen lieben Salz, und das Salz befand sich seinerzeit in Tibet. Da erklärten sich die Yaks bereit, es zu holen und liehen sich zu diesem Zweck das dichte Fell der Wasserbüffel aus. Sie versprachen, Salz aus Tibet zu holen und dann das Fell zurückzugeben. Und dann entdeckten Sie die Hochtäler mit ihren reichen Weiden. Es gefiel ihnen dort so gut, dass sie ihr Versprechen brachen und einfach dort blieben bis zum heutigen Tag. Sie wagen sich natürlich nicht mehr hinunter zu ihren zornigen Brüdern, den Wasserbüffeln. Ihre Kopfhaltung ist so, dass sie nach unten gucken, als ob sie fürchteten dass ein Wasserbüffel, dem die Warterei zu viel geworden ist, kommt um sich sein Recht zu holen. Und die Wasserbüffel haben eine Kopfhaltung nach oben, als warteten sie immer noch auf die treulosen Yaks.

Immer gucken: Kommen die Wasserbüffel?

Immer gucken: Kommen die Wasserbüffel?

Am Nachmittag bleibt die Sicht schlecht. Unser „Panoramaweg“, von dem aus wir den Mount Everest hätten sehen sollen, zeigt uns eine weiße Wand aus Wasserdampf. Überflüssig zu erwähnen dass die Gruppe meckert. Ich als Berufsoptimist freue mich, dass es nach dem Mittag nur noch einen kleinen Anstieg über Treppen gibt, dann geht es steil hinab nach Tashinga, über einen winzigen Pfad.

Blick über Khumjung

Blick über Khumjung

Wir werden wie immer herzlich begrüßt mit warmen Tüchern, Tee und Möhrenkuchen. Und später zum essen gibt es die selbstgesammelten Pilze von Tej, sehr lecker und darüber hinaus interessant gewürzt. Am Tisch dreht sich das Gespräch natürlich auch über das Wetter. Roland brummt was von „Scheißwetter“, und Natascha fragt: „“Was verstehst du unter schlechtem Wetter?“ Roland sieht sie kurz an und überlegt wohl, ob er vielleicht veräppelt wird, ob Natascha bei klarem Bewusstsein ist oder ob er sich verhört hat. Da sie die Frage zu seiner Bestürzung offenbar ernst gemeint hat, raunzt er: „Schlechtes Wetter ist wenn man nüscht sieht!“ Das ist das Ende weiterer Gespräche zwischen Natascha und Roland. Wass diesen nur wenig belastet.

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Mende, 8. Oktober 2010

In der Nacht wälzte ich mich. Zwei mal wachte ich mit höllischen Kopfschmerzen auf. Nur das erste Mal nahm ich eine starke Kopfschmerztablette. Eine zweite wollte ich nicht nehmen, denn ich nehme normalerweise nie Schmerzmittel. Am Morgen war ich weiß wie die Wand. Birgit hingegen brachte kaum ein Auge zu. Holger und Grit haben ein Gerät dabei, mit dem man die Sauerstoffsättigung im Blut messen kann und dass nebenbei auch den Puls ermittelt. Das Gerät brachte die Ursache für Birgits Schlaflosigkeit an den Tag: Ihr Ruhepuls ist mindestens 30 Schläge über Normal.

Meine These zum Schlaf in der Höhe bei noch nicht angepassten Menschen ist folgende: Entweder man hat eine erhöhte Atemfrequenz und einen erhöhten Puls, versorgt damit seinen Körper ausreichend mit Sauerstoff, kann aber nicht einschlafen. Oder man kann den Kreislauf herunterfahren und einschlafen, leidet dann aber unter Sauerstoffmangel und wacht mit Kopfschmerzen auf. Keine Ahnung, ob die These stimmt. Mediziner vor!

Der Kaffee weckte jedenfalls meine Lebensgeister, nicht nur wegen dem Koffein, sondern auch wegen der Flüssigkeit. Vielleicht hat es doch sein Gutes, dass der Kaffee hier dünner ist als bei uns zuhause der Tee… Ich werde hier zum Trinker. 5 Liter Kaffee, Tee und Mineralwasser am Tag sind ein Leichtes. Nur vom warmen Treckerfuß (dem Rumpunsch) lasse ich vorläufig die Finger.

Der Lohn des Schweißes: Aussicht auf hohe Berge

Der Lohn des Schweißes: Aussicht auf hohe Berge

Gaby nutzt jede Gelegenheit zum Fotografieren

Gaby nutzt jede Gelegenheit zum Fotografieren

Um viertel nach acht sagte Tej „die Route wird berechnet“ und wir stiefelten los in Richtung Thame. Ein schöner, sonniger Höhenweg, sogar eine ganze Weile mal geradeaus, und Sicht auf Landschaft und Berge. Aber geradeaus gehen ist in Nepal nie von Dauer. Schon bald mussten wir 250 Höhenmeter hinab zu einer Brücke, um dann diese Meter und noch gut 600 weitere wieder zu klettern. Dort sind Götterbilder an den Felsen gemalt.

Religiöse Felsmalerei im Tal des Bhote Kosi

Religiöse Felsmalerei im Tal des Bhote Kosi

Unser Ziel ist das Kloster oberhalb des Ortes Thame, auf fast 4.000 m, neuer Höhenrekord.

Ausblick im Tal des Bhote Kosi

Ausblick im Tal des Bhote Kosi

Tej stellt uns jeden Berg mit Namen vor, aber bei mir ist die Mühe ziemlich vergebens. Ich bin nicht gerade Weltmeister im Namen merken. Auch haben nicht alle Berge Namen, manche sind auch „namenlöser Berg“, um es mit Tejs Worten zu sagen.

Tej kennt die Namen aller Berge - ich kann sie mir nicht merken

Tej kennt die Namen aller Berge - ich kann sie mir nicht merken

Tatsächlich merkt man es, wenn man höher kommt als bisher erlebt. Jeder Höhenmeter mehr bedeutet eine gefühlte Alterung. Die Alternative heißt: schleichen oder japsen. Wenn man pech hat, ist es beides.

Mönche vor dem Kloster in Thame

Mönche vor dem Kloster in Thame

Das Kloster Thame ist eines der drei ältesten Klöster im Khumbu. Tej erläutert uns ausführlich ein Standardmotiv der Klostermalerei, das Lebensrad welches den Kreislauf der Widergeburt und den möglichen Ausweg daraus symbolisiert. Interessant ist, dass es auch so etwas wie die Hölle darin gibt, aber nicht als ewige Strafe, sondern nur als Zeitstrafe gewissermaßen. Danach heißt es: zurück in die Biomasse und neuer Versuch. An zentraler Stelle im Rad befinden sich die drei Gründe für ein Verharren im Kreislauf: ein Vogel symbolisiert die Wollust, das Schwein die Dummheit und die Schlange die Aggression. Wie unterschiedliche Kulturen auf Tiere unterschiedliche Eigenschaften projizieren! Bei uns wäre die Schlange schlau und das Schwein wollüstig. Dem Vogel würden wir überhaupt nichts Schlechtes zutrauen. Im Klosterhof plaudert Pasang mit einigen Mönchen. Man kennt sich.

Nach dem Kloster steigen wir hinab in den Ort, zum Haus von Apa Sherpa, dem bisherigen Everest-Rekordhalter. Er war sage und schreibe 20 mal oben, und er lebt immer noch. Apa Sherpa lebt inzwischen in den USA und macht dort seine Erlebnisse zu Geld, sein Haus ist in eine Lodge umgewandelt. Und unser Pasang ist sein Neffe. Wir essen im Haus von Apa Sherpa ein Mittagessen, das der Wachmann und einer der Köche von der Lodge in Mende extra für uns hierher geschafft haben, uns wieselflink überholend. Und es war, selbstredend, wie immer lecker.

Wolken ziehen auf

Wolken ziehen auf

Auf dem Rückweg von Thame nach Mende zieht es sich rasch zu, die schöne Sicht ist perdu, und es wird ziemlich frisch. Wie gut, dass wir im Tagesrucksack immer die Allwetterausrüstung dabei haben. Das hat seinen Sinn im Gebirge, vor allem im Hochgebirge. Andrea geht ziemlich am Stock. Pasang trägt wieder ihren Tagesrucksack, aber auch ohne den ist sie am Ende ihrer Kräfte. Deshalb gehört sie auch zu dem Teil der Gruppe, der direkt zur Lodge zurückgeht, zusammen mit Holger, Roland, Renata und Pasang. Tej, Natascha, Grit, Frau Dr. und ich hingegen machen noch einen (vermeintlich) kleinen Umweg zum Kloster Laudo.

Kaum sind wir auf den schmalen Pfad am Hang abgebogen frage ich mich, warum ich mir das antue. Es geht steil bergauf, und es nimmt schier kein Ende. Ich ramme meine Treckingstöcke in die Erde und ziehe mich hoch. Wieviel Höhenmeter mögen das sein? 300, 400?

Das Kloster Laudo ist eine Besonderheit, denn es ist ein reines Gumpa-Kloster. Tej beschreibt das als die quasi „katholischen“ Buddhisten, die Mönche dürfen nicht heiraten. Tatsächlich ist der Lama von Laudo ein herzlicher, offener und lebensfroh wirkender Mensch. Er schüttelt uns begeistert die Hände, bewirtet uns mit leckerem Gewürztee und Keksen und Tej auch mit dem berühmten Getränk aus Wasser, Milch und Yakbutter. Es riecht nach Ziegenkäse, und ich überwinde mich, davon zu kosten. Der Geschmack ist besser als der Geruch, aber gewöhnungsbedürftig ist es.

Im Kloster Laudo

Im Kloster Laudo

Wir dürfen im Gebetsraum Lichter anzünden, jeder eines. Üblich ist es, dafür eine Spende in die Box zu tun. Natascha gibt nichts hinein, und Tej ärgert sich wirklich darüber. Wie ich finde zu recht.

Der Lama hat eine unendliche Geduld dabei, sich für Fotos mit Touristen zur Verfügung zu stellen. Ich mache kein solches Foto, weil es mich irgendwie schämt. Ich habe das Gefühl, dass ich den Menschen auf einem Foto nicht festhalten kann, und nur das Exotische seiner Erscheinung abzubilden, nein, das wird nicht dem gerecht, was ich wahrgenommen habe.

In dichtem Nebel klettern wir wieder zu unserer Lodge nach Mende hinunter. Ich hoffe, dass der heutige Aufenthalt auf deutlich über 3.700 m dazu beiträgt, dass ich in der nächsten Nacht besser schlafen kann.

Andrea kommt nicht zum Abendessen, sondern legt sich ins Bett. Tej geht besorgt zu ihr und kommt mit der Nachricht wieder, dass es nicht die Höhenkrankheit sei, sondern einfach nur totale Erschöpfung. Grit misst ihren Sauerstoffgehalt im Blut, der noch am unteren Ende des Normalen ist. „Sie hätte den Ausflug nach Thame heute nicht mitmachen sollen, sondern sich ausruhen,“ sagt Tej. Mit etwas gedämpfter Stimmung gehen wir früh zu Bett.

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Mende, 7. Oktober 2010

Heute früh stellten wir uns den Wecker auf 6 Uhr, um nicht so hetzen zu müssen. Offizielles Wecken war um halb 7 und Frühstück um 7. In nur einer halben Stunde nach dem Aufwachen bereit sein für feste Nahrung, das überfordert mich. Wir stellten unsere Taschen vor die Zimmer, den Rest erledigt der Yaktreiber. Er schnallt das Gepäck von uns allen auf drei Tiere und treibt sie in die nächste Lodge. Um halb acht stehen wir mit unseren Tagesrucksäcken, und den Trekkingstöcken vor der Lodge, es kann losgehen. Jeder hat mindestens 2 Liter zu trinken dabei, denn in dieser Höhe muss täglich 2 Liter mehr getrunken werden als zu Hause im Flachland. Die Mädels vom Service in der Lodge füllen einem je nach Wunsch heißes Wasser, schwarzen Tee, Minztee oder heiße Zitrone in die bereitgestellten Trinkflaschen, zusätzlich kann man Mineralwasser kaufen.

„Die Route wird berechnet,“ sagt Tej, als wir zum Abmarsch versammelt sind. Wieder sind wir sprachlos über seine Sprüche, was er so alles aufschnappt.

Wir betreten den Sagarmatha National Park

Wir betreten den Sagarmatha National Park

Solche Zugangsbauwerke wie hier stehen oft am Eingang von Dörfern, manchmal sind sie mit Gebetsmühlen innen oder außen versehen, oder mit Gebetsfahnen geschmückt. Dieses hier ist innen prächtig ausgemalt mit Bildern von Guru Rinpoche und anderen Heiligen und mit einem Mandala an der Decke.

Buddhistische Malerei und Gebetsmühlen

Buddhistische Malerei und Gebetsmühlen

Biggi und Waltraud mit ihren Trägerinnen am Dudh Kosi

Biggi und Waltraud mit ihren Trägerinnen am Dudh Kosi

Zunächst geht es steil rund 100m hinab, dann nach einigen kleineren Ab- und Aufstiegen über die rund 70m hohe Hillary Bridge, finanziert vom Erstbesteiger des Mount Everest und großen Wohltäter der Khumbu-Region, Sir Edmund Hillary.

Die Hillary Bridge über den Dudh Kosi, verziert mit weißen Schals

Die Hillary Bridge über den Dudh Kosi, verziert mit weißen Schals

Grit und Holger befestigen dort ihren weißen Gebetsschal mit dem „Om mani padme hum“ Mantra und eingewebten Glückssymbolen, den man Reisenden hier mitgibt. Sie bekamen den Schal gestern vom Lama des Klosters in Monjo, das sie besucht (und dem sie gespendet) haben. Die Schals sind dazu gedacht, an Brücken befestigt zu werden. Dort geben sie ihre Gebete und Glückwünsche dem Wind mit für die Ohren der Götter, zum Segen der Reisenden.

Auf dem Trek nach Mende

Auf dem Trek nach Mende

Nach der Hillary Bridge geht es endlos steil hinauf nach Namche Bazar. Die etwa 700 Höhenmeter schlängeln sich in steilen Kehren, der Weg ist mit uneben und teilweise rutschig, zusätzlich zu Steinen und Geröll lauern zahlreiche Yak-Häuflein auf ihre Chance, einen Wanderschuh verzieren zu dürfen. Immer wenn uns Zopioks mit ihren Treiber begegnen, scheucht Pasang uns zur Bergseite hin aus dem Weg. So träge und duldsam die Tiere wirken, ganz harmlos sind sie nach seiner Meinung offenbar nicht.

Schließlich erreichen wir einen Rastpunkt, von dem aus theoretisch ein erster Blick auf den Everest möglich ist. Praktisch erhaschen wir nur ein kleines Sichtfenster, weil schon Wolken aufgezogen sind. Später in der Lodge sollte mich eine etwas spaßbefreite Dame aus einer anderen Reisegruppe begeistert fragen „habt Ihr auch so eine tolle Sicht auf den Everest gehabt?“ Ich bejahte natürlich und dachte bei mir „du mich auch!“

Die Stelle ist auch der einzige Fleck weit und breit, wer wenigstens suboptimal geeignet ist, die Pflanzen zu wässern. Am steilen Hang kommt es nicht in Frage, den Pfad zu verlassen. Notdürftig von einem mageren Büschlein verdeckt hocken wir Frauen uns hin, Not lässt die Scham vergessen, die Träger sitzen wenige Meter weiter und ich will gar nicht wissen, was sie denken.

Tej wird entspannter und lockerer, weil wir mit ihm über Natascha lästern. Der geht es nicht schnell genug voran. Sie stürmt vorneweg. Wartet dann wieder, rennt wieder los. Wir hingegen zuckeln langsam, aber gleichmäßig wie ein Uhrwerk hinauf. So soll man das machen. Bistare, bistare sagt Pasang. Das heißt: Langsam, langsam. Mit ihrem Laufstil wäre Natascha als Guide nicht geeignet für uns nicht akklimatisierte Flachlandbewohner.

Endlich kommen wir nach Namche Bazaar. In der Lodge gibt es Dhal Bat (Reis mit Linsen), Gemüse, Kartoffeln. Ich schlage mehrfach zu. Einige nutzen dann die Chance, eine E-Mail zu versenden oder nach Hause zu telefonieren. Wir tauschten unsere restlichen Euros und erwarben einen Nepal-Aufnäher für den Rucksack.

Nach etwa zwei Stunden Rast in Namche Bazar machen wir uns guter Dinge wieder auf den Weg weil wir meinen, das Schlimmste sei geschafft. Aber wir steigen immer tiefer ab, auf unter 3.400 m. Und wir müssen doch noch auf über 3.700 hoch! Lange Zeit ist der Weg sehr angenehm, es geht praktisch geradeaus, ein in Nepal seltener Luxus. Es ist schon vier Uhr Nachmittags, als wir uns an den Aufstieg nach Mende machten. Tej biegt vom normalen Weg ab, der sehr steil gewesen wäre, und führt uns über ein Seitental und eine Alm in einem großen Bogen hinauf.

Mende ist das Heimatdorf von Pasang, und Tej hatte ihn gefragt, ob der Weg frei wäre. Aber wir kommen an Steinmauern, die die Hirten hier errichtet haben, um Heu machen zu können. Pasang räumt die Steine ab und schichtet sie hinter uns wieder auf. Ich merkte ihm den Ärger darüber nicht an, dafür ist er zu zurückhaltend, aber Tej erzählt uns davon.

Es fängt an zu dämmern und der Weg nimmt kein Ende. Die Tatsache, dass wir Mende von unten aus dem Tal nicht sehen können, macht es auch nicht gerade besser. Tej macht Witzchen und lockere Sprüche, um die Stimmung nicht kippen zu lassen. „Langer Weg, langes Leben. Kurzer Weg, kurzes Leben,“ sagt er. Das ist mal ein Argument.

Die Everest Summit Lodge in Mende

Die Everest Summit Lodge in Mende

Kurz vor der Dämmerung erreichen wir unvermittelt die Lodge in Mende, völlig fertig. Grits Höhenmesser sagt uns, dass wir heute 1.100 m im Abstieg und 2.000 m im Aufstieg hinter uns gelassen hätten, und meine Beine geben dem Höhenmesser recht. Wir werden mit warmen feuchten Tüchern empfangen, man nimmt uns die Stöcke ab. Raus aus den Wanderschuhen und rein in die bereitstehenden Gästeschläppchen der Lodge. Duschen und wie eine Herde Wölfe über das Abendessen herfallen.

Es gibt das beste Essen des ganzen Treks, einen tibetischen Eintopf. Dieser wird in einem ringförmigen Gefäß aus Metall gereicht. Der Ring ist auf einen Kegel gesetzt, in dem Holzkohle glüht. Es blubbert vor sich hin. Dazu gibt es Reis, Nudeln, Gemüse, Momos. Man kann es mit dem Eintopf mischen oder nicht, nach Belieben. Einfach köstlich.

Nach dem Essen werden die Tische beiseite geschoben. Ein bunter Abend ist angesagt, mit traditionellen Tänzen. Wir sind eigentlich müde und fertig von der Wanderung, und leicht skeptisch was uns hier erwartet. „Nach den Tänzen seid ihr dran uns was vorzuführen, einen Wiener Walzer,“ scherzt Tej.

Pasang Tharke Sherpa, achtfacher Everest-Besteiger, tanzt für uns

Pasang Tharke Sherpa, achtfacher Everest-Besteiger, tanzt für uns

Als erstes erscheint Pasang in traditioneller Sherpa-Tracht. Er hakt zwei von den Service-Mädels der Lodge unter, ebenfalls in Sherpa-Ausgeh-Schürzen gekleidet, und sie tanzen einen Tanz und singen dazu, stampfen immer wieder mit dem Fuß auf. Dann kommt einer der Jungs aus der Küche als typischer Nepalese, und sein Kollege als nepalesische Frau, hübsch mit Äpfeln ausstaffiert damit er auch Brüste hat. Dazu gibt es Musik vom Ghettoblaster, einer Trommelt dazu. Schließlich tritt der Wachmann der Lodge auf, ein wettergegerbter typ mit nepalesischer Schiffchenmütze, er ist von der Ausstrahlung her der absolute Renner. Es wird gesungen, getrommelt, ein anderer Guide spielt Gitarre. Tej fordert uns auf, auch was zu singen. Uns fällt nichts besseres ein als „O Tannebaum!“ Ich glaube nicht, dass die zuhörenden Nepali nach unserer Darbietung die deutsche Kultur überschätzen.

Tja und dann ertönt ein Wiener Walzer. Tej sieht uns auffordernd an. Die Reisegefährten bleiben untätig. Frau Dr. und ich sind die einzigen in Frage kommenden Personen, um die Ehre Deutschlands in Mende zu retten. Also tun wir, was wir tun müssen, gelernt ist gelernt, wozu war man in der Tanzschule. Rechtsdrehung, einszweidrei, Linksdrehung, einszweidrei, der Raum ist verflucht eng, komm ich hier um die Kurve, einszweidrei, ist diese Scheißwalzer immer noch nicht zuende, einszweidrei. Japsend wie ein Fisch auf dem Trockenen lasse ich mich auf den Sitz fallen. Ich fürchte die meisten meiner Leserinnen und Leser können nicht ganz ermessen was es bedeutet, nicht akklimatisiert einen Wiener Walzer auf 3.700 m zu tanzen. Seid versichert, es ist ein Wunder, dass wir es wenigstens zwei, drei Minuten lang durchgehalten haben.

Schließlich war Nepali freestyle dancing angesagt, oder auch Nepali-Fox. Zur Musik wippend von einem Bein aufs andere, dabei bedeutungsvoll mal den linken, mal den rechten Arm hebend. Der Höhe angemessen in eher gemächlichem Tempo. Das ging dann.

Die letzte Prüfung des Abends war Tschang, das selbst gebraute Reisbier. Es riecht wie vergammelt, sieht weißlich-milchig aus, schmeckt dafür aber vergleichsweise gut. Ich leerte tapfer mein Glas (und beschloss am Folgetag: kein Alkohol über 3.500 m).

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Monjo, 6. Oktober

Ich habe fast 10 Stunden wunderbar geschlafen. Nicht so Frau Dr., die sich gewälzt hat und den Stofftieren beim schnarchen zuhörte. (Alle hörbaren Schlafgeräusche gehen nur von den Stofftieren aus, wir schnarchen natürlich nicht.)

Heute steht eine Akklimatisationstour auf sie Yak-Alm Thakcho auf 3.500 m auf dem Programm. Die Spannungen zwischen Tej und Natascha sind deutlich spürbar. Tej ist leicht erkältet, alle überhäufen ihn mit Wohltaten aus ihrer Reiseapotheke, er spielt es herunter, will vor Natascha keinerlei Schwäche zeigen. Aber angeschlagen ist er.

Beim Frühstück bleibe ich vorsichtshalber bei trockenem Toast, obwohl mein Durchfall überstanden zu sein scheint. Natascha, die mir gestern noch erzählte sie würde wegen eines Darmparasiten, den sie sich in Kathmandu eingefangen hat ganz auf Milchprodukte zu verzichten und ich solle das auch besser tun, nimmt Milch in ihren Kaffee und in ihr Müsli. Als ich sie darauf anspreche, ist sie beleidigt.

Pinkelpause auf dem Weg nach Thakcho

Pinkelpause auf dem Weg nach Thakcho

Unser Aufstieg auf die Alm ist ziemlich steil, aber nur von 2 1/2 Stunden Dauer. „Steil aber geil“, wie Tej sagt, und obendrein rutschig und eng. Holger nimmt sich vor, nie wieder ohne seine Trekkingstöcke loszugehen. Und das ist ein guter Vorsatz.

Geschafft aber oben

Geschafft aber oben

Pasang (rechts) und Chitis haben allerdings noch nicht mal angefangen zu schwitzen. Für die ist das hier nicht mal ein Maulwurfshügel

Pasang (rechts) und Chitis haben allerdings noch nicht mal angefangen zu schwitzen. Für die ist das hier nicht mal ein Maulwurfshügel

Von oben haben wir einen schönen Blick auf einige hohe Berge mit Schnee drauf, der Baumbewuchs wird spärlich.

Bergpanorama

Bergpanorama

Biggi und Waltraud treiben ihre beiden Trägerinnen natürlich immer wieder zur Eile an. Obwohl die beiden Stofftiere nicht einen Meter selbst gelaufen sind, müssen auch sie hin und wieder in die Sonne blinzelnd rasten.

Stofftierrast auf 3.500m

Stofftierrast auf 3.500m

Unsere Auftraggeber waren dann so gnädig, dass die Trägerinnen auch mal mit aufs Bild durften. Man sagt „Yakscheiße!“ beim fotografiert-werden, das macht ein freundliches Gesicht.

Die Stofftiere und ihre Träger

Die Stofftiere und ihre Träger

In etwa 3.300 m Höhe war noch ein Bauer dabei, mit der Spitzhacke Kartoffeln zu ernten. Die höchste Siedlung im Khumbu liegt 4.500 m hoch, und auch dort werden noch Kartoffeln und Gerste angebaut. Das Winterfutter für das Vieh wird mit der Sichel geerntet, wie das Getreide natürlich auch. Die Landwirtschaft und der Hausbau werden hier noch mit denselben Techniken betrieben wie vor 4000 Jahren im alten Ägypten.

Wir steigen wieder ab und sind um 14 Uhr wieder in der Lodge, die Knie aus Gummi vom Abstieg. Frau Dr. freut sich über knusprig herausgebackene Kartoffeln als Mittagsspeise, und ich erklärte meine Verdauungsprobleme für überwunden und die Diät für beendet. Praktisch ist, dass man immer so viel Nachschlag von allem bekommt wie man möchte. Und nach einer solchen Tour möchte man.

Die Lodge in Monjo, auf dem Dach Solaranlagen für Duschwasser

Die Lodge in Monjo, auf dem Dach Solaranlagen für Duschwasser

Andrea geht es nicht gut. Obwohl wir erst auf 2.800 m übernachten, macht ihr die Höhe zu schaffen. Die Tour hat sie nur gepackt, weil Pasang ihren Tagesrucksack trug. Wegen einer Verletzung konnte sie sich nicht richtig vorbereiten, hat kaum etwas für ihre Kondition getan. Ohne ein paar Monate Konditionstraining eine Hochgebirgswanderung zu wagen, und sei es bloß ein Warmduscher-Trek, ist keine gute Idee. Vor allem war die Tour heute ja nur ein kleiner Spaziergang verglichen mit dem, was morgen auf dem Programm steht.

Typische Holzbank für das Abstellen von Tragekörben

Typische Holzbank für das Abstellen von Tragekörben

Nach dem Mittagessen kletterten wir noch ein wenig durch das Dorf Monjo. Wir setzten uns auf eine der typischen hohen Holzbänke, die genau so gebaut sind, damit die Träger ihre Lastkörbe dort gut abstellen können. Wenn dort keine Tragekörbe stehen werden Bohnen getrocknet, Wäsche eingeweicht, Kinder versorgt oder was auch immer. Wir schauten einem Yaktreiber zu, der Touristengepäck von einer Herde Zopioks ablud und die Tiere versorgte, alles in gemächlichem Tempo.

Diese Zopioks haben für heute Feierabend

Diese Zopioks haben für heute Feierabend

Dann gingen wir weiter zur Baustelle des Dorfes, wo gerade eine weitere große Lodge entstand. Etwa 15 Arbeiter sind dort beschäftigt. Aus dem Lehmigen Boden werden Steine ausgegraben und mit Hammer und Meißel behauen. Traditionell werden die Steine ohne Mörtel vermauert, dieser ist neben den Wellblechdächern das einzig moderne an der Bauweise heute. Die Holzbalken, die das Tragwerk für die Zwischendecken bilden, sind mit großen Sägen von jeweils zwei Leuten ausgesägt, genauso wie die Bretter. Kreissägen gibt es nicht. Hobel, Hammer, Meißel, Tragekörbe und Bambusgerüste sind die Hilfsmittel. Bagger, Kran, etc. Fehlanzeige.

Baustelle in Monjo

Baustelle in Monjo

Ich schaue zu und stelle mir vor, wie viele Menschen wie viele Stunden geschuftet haben, um unsere große und komfortable Lodge zu errichten und auszustatten. Jeder Stein von Hand behauen und mit Muskelkraft an seinen Platz gebracht. Jedes Waschbecken, jeder Türgriff, jede Tasse und jeder Teller, jede Decke und jedes Kissen, alles von Menschen und Zopioks über die holprigen Pfade hier heraufgeschleppt. Vor diesem Hintergrund kommt mir das Gemecker von manchen Reisekollegen wegen geringer Komfortmängel geradezu absurd vor. Da wird mit den Ressourcen wie wir sie in Europa im Mittelalter hatten versucht, uns verwöhnten Westlern zu bieten, was keiner von den Einheimischen hat, was nicht weniger bedeutet als das Unmögliche möglich zu machen. Und was machen die verwöhnten Westler? Beschweren sich über zu kleine Zimmer, oder über das funzelige Licht, das hin und wieder mal ausfällt, weil viel zu viele Lodges an den mini-Wasserkraftwerken hängen. Frau Dr. und ich haben Stirnlampen dabei. Stromausfall ist uns ein Achselzucken wert.

Hausbau in Nepal im Jahr 2010

Hausbau in Nepal im Jahr 2010

Die Zimmer sind ungeheizt, weil Gasheizungen den Gästen nicht guttun in der Höhe. Sie verbrauchen den ohnehin knappen Sauerstoff, sind also kontraproduktiv. Aber im Essensraum in jeder Lodge bullert ein Eisenofen vor sich hin, dort ist es warm. Und in den Zimmern gibt es entweder elekrische Heizdecken oder Wärmflaschen in die Betten, die dank dicker Decken herrlich warm sind. Wirklich kein Grund, sich über mangelnden Komfort zu beklagen.

Der Abend klingt aus mit Phase 10 spielen, warmem Treckerfuß und Everest Lager Beer aus der Dose. Tej erzählt uns ein wenig von seinem Leben. Während seines Intensivkurses Deutsch in Köln guckte er natürlich deutsches Fernsehen. Am nächsten Tag war der Superlativ dran. Die Lehrerin schrieb das Wort „gut“ an die Tafel und fragte nach der Steigerung. Tejs Arm schoss in die Höhe. „Besser, Paulaner,“ ergänzte er fließend.

Roland ergänzt Tejs Vorrat an deutschen Witzen. Besonders gut gefällt ihm der von klein Fritzchen, der in der Schule nach einem Tier mit „a“ gefragt wird. „A Hirsch!“ ist die Antwort. Tej kann das r so gut rollen wie ein echter Franke, weil in Nepali das r auch gerollt wird. Er ist im Sommer, wenn in Nepal Regenzeit ist, manchmal in den Alpen auf verschiedenen Hütten unterwegs, und jobbt dort in der Küche. In Nepal ist nur vier Monate Saison zum Trekken, das Jahr hat aber 12 Monate, und das Schulgeld für seine Tochter will bezahlt sein.

Morgen geht es in den Sagarmatha National Park. Den Eingang habe ich mir heute schon angeschaut, hinein darf man aber nur mit einer Erlaubnis, die natürlich ein Eintrittsgeld kostet. Was mit dem Geld genau gemacht wird, weiß allerdings keiner so genau.

Eingang zum Sagarmatha National Park

Eingang zum Sagarmatha National Park

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