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Dreieinhalb Jahre nach dem berühmten Warmduscher-Trek kommt 2014 endlich die Fortsetzung. Wieder Nepal, wieder der Himalaya, aber ein anderer Berg. Und etwas kernigere Bedingungen. Lassen Sie mich vorwegnehmen, dass wir, den Klassiker „The Ascent of the Rum Doodle“ im Gepäck und den richtigen Berg schließlich gefunden haben.

ABC steht für Annapurna Base Camp, das Ziel unseres Treks. Aber vor jedem Ziel kommt der Weg. Und der ist Nepali-flach, was so viel bedeutet wie fast senkrecht. Eingedenk dieser Tatsache haben wir dieses Mal bereits 5 Monate vor der Abreise mit unserem Konditionstraining begonnen. Auf unzähligen Runden der Tartanbahn des Friedrich Ludwig Jahn-Sportparks keuchten wir uns zu: „Wer ist eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, in unserem Alter noch nach Nepal zu fahren?“ und beandworteten die Frage mit einem gleichzeitig gejapsten „Du!“ Wir speckten jede 5-6 Kilogramm ab, indem wir ein gutes Vierteljahr lang an zwei Tagen pro Woche jeweils nur 600 Kalorien zu uns nahmen. Die schlechte Laune an den Hungertagen war hochgefährlich für unsere Mitmenschen und uns selbst.

Und schließlich war es so weit: Der Trek konnte beginnen! Mit einem Bier am Flughafen Tegel.

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Auch bei diesem Trek sind wir wieder nur die Träger für die Stofftiere Biggi und Waltraud, die eigentlich diese Reise unternehmen. Die Erstbesteigung des Annapurna Base Camp durch Stofftiere. Wir sind nur Mittel zum Zweck.

In Tegel zieht sich die Zeit bis zum Boarding ewig hin. Eine Gruppe von Phuket-Reisenden aus Sachsen, unter ihnen die Reinkarnation von Sponge Bob, hat dem Alkohol reichlicher zugesprochen als wir. Es ist schwer, das Gelalle auszublenden. Ich veranschlagte Sponge Bob auf einen IQ von 35 (Brot hat 40).

Bei Nachtflügen denke ich immer dass ich unmöglich in dieser Sardinenbüchse schlafen kann – und tue es dann doch. In Abu Dabi warten wir fast vier Stunden auf den Weiterflug, während Sponge Bob mit einer Dose Heineken in der Hand nach seiner Herde sucht. Im Flieger nach Kathmandu haben wir die Sachsen dann abgehängt, können wieder etwas pennen und leiden Durst. Der Service bei Ethiad war schon mal besser.

Kathmandu Airport ist baulich vergleichbar mit einer durchschnittlichen deutschen Gesamtschule. Der internationale Teil, wohlgemerkt. Die Abflughalle für Inlandsflüge ist eine Mischung aus Markthalle und kleiner Spedition. Uns ist der Flughafen schon vertraut, und auch das Chaos und der Dreck, der Linksverkehr und der Lärm durch das ständige Gehupe auf Kathmandus Straßen schocken nicht mehr so wie beim ersten Besuch.

Unser Hotel ist ein kleines grünes Paradies im Moloch. Seht hier. Unser erster Tag endet, wie er begann: Mit Bier auf der Dachterrasser.

Der zweite Tag: Ab nach Pokhara

Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Wir duschen und packen die Wanderschuhe zunächst in unsere Taschen, werden sie noch lang genug tragen. Das beste am Frühstück ist der leckere selbst gemachte Joghurt. Unser Guide heißt Kamal, und er spricht relativ wenig Englisch, auch Deutsch nur einige Worte. Ich verstehe ihn teilweise nicht gut, Birgit ist da besser. Der Träger heißt Ham (wie das englische Wort für Schinken), ist einen Kopf kleiner als ich und ziemlich schüchtern. Der Fahrer ist sehr cool mit seinen Autofahrer-Handschuhen, einer hippen Frisur und Sonnenbrille. Er fährt uns sicher über die teilweise aufgerissene „Autobahn“, die mehr ein teilweise geteerter Feldweg ist. 220 Kilometer, sechs Stunden Fahrt. Wir hatten einen Transfer mit dem Jeep erwartet, aber es ist ein komfortabler 9-Sitzer Bus.

Die LKW sind bunt bemalt, vorne haben sie häufig indische Gottheiten prangen und einen Spruch wie „Speed Limit“, „Road King“ oder „Speed Control“, hinten heißt es „See you“, „Horn, please“ oder „Wait for signal“.

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Die Baustellen sind abenteuerlich. Frauen mit Tragekörben schleppen den Kies heran. In einem für den Hausbau üblichen kleinen Zementmischer wird der Beton für den Fahrbahn-Untergrund gemischt.

Im Tal reiht sich Dorf an Dorf. Viele Reisfelder werden gerade mit Ochsengespannen gepflügt, dann geflutet und bepflanzt. Ich sehe Bananenstauden und suche nach den Bananen. Wir machen Kaffee- und Pinkelpause in einem Restaurant, wo eine große Gruppe Asiaten (Japaner vermutlich) sich mit einem Bananen-Fruchtstand vergnügt – für die genauso etwas ungewöhnliches wie für mich, scheint’s. Das Mittagessen ist Dal Bhat, also Reis und Linsen, mehr als ein Nationalgericht, sondern eher das einzige, was normale Nepalis jemals essen. Im Restaurant wird es meist mit etwas Kartoffelcurry, Pickles und einer Art Spinat oder Mangold (aber leckerer als letzterer) gereicht. Und der Kartoffelcurry ist scharf.

Wir sind bereits gegen halb drei in Pokhara, haben wieder ein tolles Hotel. Der Security-Mann am Eingang salutiert jedes Mal, wenn wir vorbeigehen. In meinem Arm zuckt es, ich will zurück salutieren.

Wir schlendern in die Stadt, die früher als Hippie-Paradies galt. Davon ist nicht mehr viel zu sehen, aber jede Menge Läden mit Touristen-Krempel wie Klangschalen, T-Shirts und Trecking-Ausrüstung. Ich kaufe mir einen Pashima-Schal. Birgit kauft Karten von der Gegend.

Wir gehen zum See und setzen mit dem Boot über zu einem Tempel auf einer Insel – die einzigen Touristen zwischen lauter festlich gekleideten Nepalis, Frauen in bunten Saris, die als Opfer Blumen, Räucherkerzen und bunte Farbpulver darbringen. Am Seeufer lassen wir den Tag ausklingen, bei einer köstlichen Forelle aus dem See und einem Everest-Bier. Der Kellner in dem Gartenrestaurant ist ungeheuer charmant. Er erinnert mich an den Jungen aus dem Film „Slumdog Millionaire“.

Hier alle Fotos vom zweiten Tag.

 Dritter Tag: Auf dem Trek nach Ghandrung

Der Wecker versagte aber Birgit funktionierte. Ein opulentes Frühstück wurde verspachtelt. Und jetzt: Adieu, Luxus! Willkommen, steiler Pfad!

Unser cooler Fahrer fuhr uns noch ein kurzes Stück nach Najapul. Von hier geht es weiter auf Schusters Rappen. Der kleine Ham schnürte unsere beiden Taschen zusammen und hing sich die fast 30 Kilo mit einem Tragegurt auf die Stirn – und war meistens vorneweg.

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Hier der Größenvergleich: von links unser Gepäck, der Träger Ham, und Birgit.

Im Everest-Gebiet werden die Gepäckstücke meist von Rindern getragen, einer Kreuzung aus Rind und Yak genauer gesagt, gewissermaßen das Maultier unter den Paarhufern. Im Langtang sind Maultiere üblich. Im Annapurna-Gebiet werden Lasten durch Träger befördert (mit wenigen Ausnahmen). Die Alternativen sind folgende: Gewöhne Dich an den Gedanken oder trage selbst. Wer selbst trägt, nimmt Ham seinen Job weg. Tja.

Wir folgten etwa eineinhalb Stunden der staubigen Straße, die zum Glück wenig  befahren war (Auto = Staubdusche).  Dann folgte ein erster, kurzer und steiler Anstieg über Treppen nach Syauli Bazar, dem Ort unserer Mittagsrast. Wir machten den Fehler, Momos zu bestellen, die leckeren nepalesischen Teigtaschen. Es dauerte ewig, aber sie waren göttlich.

Wir stiegen dann wieder ab nach Khimche, und kamen wieder an die Straße, die hier endet. Viele Trecker beginnen erst hier mit der Tour. Nach dem sich weit erstreckenden Dorf ging es erst flach, dann wieder steil weiter. Wir kommen an einer Schule vorbei, dort steht eine Spenden-Sammelbox. Birgit zweifelt, ob das dort gesammelte Geld wirklich der Schule zugute kommt. Ich lasse mich davon beeinflussen, obwohl ich eigentlich was in die Box geben wollte. Im Nachhinein ärgerte ich mich. Und spende von da an immer.

Gegen Ende der Strecke kommt das richtig fiese, steile Ende. Der Aufstieg nach Ghandrung auf 2.000m zieht sich wie Kaugummi. Immer reiht sich noch eine Treppe an die vorherige. Und als die ersten Häuser von Ghandrung erreicht sind, sind wir mitnichten am Ziel, denn dies ist erst der neue Teil des Ortes. Unsere Lodge ist noch eine gute halbe Stunde Treppensteigen weiter, im alten Ghandruk.

Wir stoppen in einem winzigen Museum, in dem altersschwache Gegenstände aus dem Leben der Bauern hier ausgestellt sind(wie sie nicht selten noch heute in Benutzung sind). Auch das ACAP Annapurna Conservation Area Project besuchen wir, aber da ist der Beamer kaputt und deswegen nicht viel zu sehen. Es reut mich um die Treppen, die wir zum ACAP hinunter gestiegen sind und die jetzt wieder erklommen werden müssen.

Endlich kommt das alte Dorf. Mit Lehm verputzte kleine Veranden kennzeichnen die traditionelle Bauweise. Die Dächer sind mit Schiefer gedeckt. Das Vieh steht in Bambus-gedeckten Unterständen oder quasi mit im Haus. Vorne an den Häusern hängen Maiskolben zum Trocknen, und Bienenstöcke aus Holz.

Unsere Lodge hat ein winziges Zimmer, in das gerade so zwei Betten und unser Gepäck passen. Wir genießen die heiße Dusche. Mit einem Gurkha-Bier feiern wir das Ende der ersten Etappe. Hier alle Fotos. Das Eine Foto vom Baumdickicht ist ein Suchbild: Finden Sie die Affen!

Vierter Tag: Vergleichsweise easy nach Tadapani

Früh morgens scheint die Sonne und es gibt einen ersten Blick auf Annapurna Süd, Hiyauli und Machapuchare (Fish Tail), wenn auch mit ein paar Wolken drum herum. Der Kaffee ist gesüßt, aber mit unserem Nescafè-Espresso-Nachwürz-Trick wird er genießbar. Kamal beobachtet uns und zieht seine Schlüsse, von denen noch zu lesen sein wird.

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Wir machen einen Spaziergang durch das Dorf, bevor wir los wandern. Die Leute wohnen hier wie im Mittelalter, bis auf die Strommasten und hin und wieder Gegenstände aus Kunststoff. Auf einem größeren Platz im Zentrum des Dorfes spielen die Jungen Volleyball, der Nationalsport in Nepal. (Kein Wunder eigentlich, schließlich fehlt es an genügend ebener Fläche für Fußballfelder). Schließlich machen wir uns gemütlich auf den Weg. Die einzigen beiden nepalesischen Wörter, die ich kann sind bistare (langsam) und namaste (guten Tag/ auf Wiedersehen). Ersteres ist das Geheimnis des Ankommens. Nur wer schleicht, wird ABC erreichen!

Am oberen Ende des Dorfes passieren wir noch ein richtiges Volleyballfeld, dann geht es endlich in den Urwald, in die berühmten Rhododendronwälder. Doch wir sind enttäuscht. Die Bäume tragen nur wenige Blüten, denn das Wetter war hier bis vor kurzem noch recht garstig.

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Dabei war die Rhododendronblüte doch der Grund, weswegen wir überhaupt im Frühjahr diese Reise geplant haben…

Immerhin ist es angenehm schattig im Wald. Die knorrigen, mit Moos bewachsenen Bäume taugen für eine Verfilmung des Hobbit, außer Tieren und unseren Schritten ist nichts zu hören. Es sei denn eine Gruppe anderer Trecker kommt vorbei.

In Bhaisi Kharka, dem Ort unserer Mittagsrast, essen wir eine leckere Nudelsuppe und trinken eine riesige Kanne Tee. Zwei Holländerinnen, die wir bei einer vorherigen Rast überholt hatten, flirten mit unserem Träger Ham. Wie viel Kilos er trage, fragen sie, bewundern und bedauern ihn. Dass es unsere Plünnen sind, mit denen Ham sich abplagt, wissen sie nicht. Wir schauen unschuldig drein.

Weiter gehts, bistare, bistare, durch den Wald. Wir sehen etwas mehr blühenden Rhododendron und vor allem eine Herde Pavian-ähnliche Affen mit grauem Fell.

Um 14 Uhr sind wir bereits an der Lodge und haben Pech. Eine riesige Gruppe von etwa 30 Koreanern ist auch da, und alle wollen duschen. Koreanerinnen sind da recht langwierig. Irgendwann bekommen auch wir unseren Tropfen heißes Wasser. Die Koreaner sind Gegenstand allgemeinen Spotts: Sie kleiden sich wie für eine Everest-Expedition, in neuester und teuerster Ausrüstung, inklusive lächerlicher Staubmasken, die außerhalb Kathmandus keiner braucht. Und sie bringen eigene Köche und eigenes Geschirr mit um bei jeder Mahlzeit dasselbe zu essen: Nudelsuppe, Reis, getrockneten Fisch und koreanische Pickles. Wohl bekomm’s!

Kaum haben wir endlich geduscht, gibt es einen mächtigen Wolkenbruch. Wir kuscheln uns in ein beheiztes Panorama-Zimmer (SEHR seltener Luxus auf dieser Reise), denn es wird auf 2.600m bereits empfindlich kühl, wenn die Sonne weg ist. Wir spachteln reichlich Dal Bhat, schwatzen ein wenig mit zwei netten Österreichern, und dann reißen plötzlich die Wolken auf. Und die Koreaner die Fenster. Ich bin erst sauer, weil mir kalt ist. Aber dann gehe ich raus und fotografiere. Berge!

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Da ist er, der Fish Tail.

Hier alle Fotos vom vierten Tag.

Fünfter Tag: Auf und Ab nach Chomrong

Wegen ihrer Ohrstöpsel hört Birgit den Wecker nicht und erschrickt, als ich sie anfasse. Wir frühstücken einen prächtigen dicken Apfelpfannkuchen. Die Koreaner essen exakt das, was sie gestern abend hatten. Zu unserer Mittagsrast treffen wir einen Teil der Gruppe wieder – sie essen… richtig geraten!

Unser Weg geht erst durch angenehm schattigen Rhododendronwald, dann steil über Treppen durch in der Sonne liegende Weizenfelder. Es ist Anfang April, und das Getreide ist fast reif zur Ernte. Hier sind wohl zwei Ernten pro Jahr möglich – Kamal bestätigt es mir auf meine Frage hin.

Während unserer Mittagsrast in Kamrung (Birgit gönnt sich leckere, handgeschnitzte Pommes) werden wir gefragt, ob wir Medizin dabei hätten. Der Senior der Lodge hat eine zwei Wochen alte Brandwunde am Fuß, die offenbar schon von Vorgängern versorgt worden war (sonst hätte sie nicht so relativ gut ausgesehen). Wir helfen mit Bepanthen und einer sterilen Wundauflage.

Dann steigen wir ab zu einer Hängebrücke und erklimmen danach, in der Sonne schwitzend, den steilen Weg wieder hinauf nach Chomrong auf 2.250m. Zwei mal noch machen wir Rast zwischendurch. Und ein Mal bewundern wir eine Gruppe Russen. Der Hahn im Korb posiert auf einem Baum, der über einem Felsvorsprung ragt, für ein Macho-Foto in bester Putin-Manier. Eine der Frauen hat ganz kurze schwarze Boxershorts an, so wie die Boxer sie noch in den 80ern trugen. Unter diesen lugt ein ebenfalls schwarzes, durchsichtiges Negligé-Höschen hervor.  Die Nepalis sehen höflich darüber hinweg. Vielleicht lästern sie ein wenig, wer weiß.

Die Regel bei unserem Reiseveranstalter Hauser lautet: Deine Unterkunft ist immer die letzte Lodge im Dorf (besonders wenn dieses Dorf sich über Kilometer erstreckt). Heute haben wir Glück und unsere Lodge ist die vorletzte.

Und wieder zieht es sich abends zu und die Berge verschwinden. Hoffentlich ist die Sicht morgen gut.

Hier alle Fotos vom fünften Tag.

Sechster Tag: Nepali flat nach Doban

Wir machen die wichtigste Frühstücks-Entdeckung: Gurung Bread (auch Tibetan Bread genannt). Das ist die nepalesische Version von Batura, in Fett herausgebackenes, leicht gesüßtes und aufgeblähtes Brot. Genau die richtige Kalorienbombe für die Anstrengungen des Tages. Dazu gibt es Eier, immer Eier, denn die Marmelade und der Honig sind meist ungenießbar fies süß, und anderes gibt es nicht. Außer Porridge natürlich, aber den können nur Briten essen. Für Menschen ist das Zeug unbekömmlich.

Jeden Abend und jeden Morgen ist die Bestellung des Essens dasselbe Ritual. Kamal, unser Guide, kommt mit einem Zettelblock der Lodge und mit der Karte. Er nimmt unsere Bestellungen von Abendessen und Frühstück auf, und schreibt die gewünschten Gerichte Buchstabe für Buchstabe aus der Speisekarte ab. (Ich hoffe, dass er des Schreibens mit nepalesischer Schrift etwas mächtiger ist…) Dann erfragt er die gewünschte Zeit, zu der wir essen wollen. Schließlich gibt er die Bestellung weiter und serviert uns auch das Essen. Er wartet ab, ob alles in Ordnung ist und geht erst dann mit dem Träger Ham zu den anderen Nepalis in die Lodge-Küche, sein Dal Bhat essen. An diese Bedienerei kann ich mich nur schwer gewöhnen. Wir könnten problemlos selbst ordern, weil die Lodge-Besitzer genug Englisch verstehen – aber Kamal nimmt seinen Job sehr ernst.

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Die Speisekarten sind von der lokalen Tourismusorganisation standardisiert und mit Einheitspreisen versehen. Damit wird verhindert, dass die Lodges sich gegenseitig mit Preisen unterbieten. Mit steigender Höhe steigen auch die Einheitspreise, weil das Essen einen weiteren Weg von Trägern hinauf getragen werden muss. Das macht sich insbesondere beim Dosenbier bemerkbar. Die Preisstruktur ist eigenwillig. Eine Übernachtung kostet fast nichts, das Doppelzimmer höchstens drei Euro. Das Mittag- und Abendessen hingegen kostet je nach Gericht mehr. Wenn Warmwasser mit Gas statt mit Solarenergie hergestellt werden muss, dann kann eine Dusche ganz oben im Basislager so viel Kosten wie das Zimmer. Die Lodge-Besitzer machen ihr Geld also mit dem Essen. Da sind koreanische Selbstversorger natürlich ein Problem. Weswegen es saftige Sonderpreise für die Küchennutzung gibt.

Wir starten um 8 Uhr früh, wie immer.  Zunächst gibt es einen langen, langen Abstieg über endlose Treppen zur Hängebrücke, dann heißt es dieselbe Strecke auf der anderen Seite wieder erklimmen, bis zu einer kleinen Teepause in Sinuwa um halb 11. Auf der Strecke sind wir meistens in der Sonne unterwegs, wir passieren hunderte winzige, auf Terrassen angelegte Felder, wie sie die Landschaft unterhalb von 2.500 Metern hier prägen. Hin und wieder kommen uns Rinder entgegen, auf dem Weg zu ihrer Weide oder zu ihrem Unterstand. Die Nepalis haben viel Respekt vor diesen Tieren – und wir dann auch. Kamal verjagt die Rindviecher für uns vom Weg, damit wir passieren können.

Nach der Teepause haben wir noch einmal zweieinhalb Stunden Marsch bis zu unserer Mittagsrast in Bamboo Lodge. Wir steigen  zur nächsten Hängebrücke ab und klettern wieder hoch. Dann macht der Trek einen weiten Umweg um eine Erdrutsch-gefährdete Stelle am Hang, also wieder hoch und runter, weil es soviel Spaß macht. Immerhin haben wir jetzt wieder den Schatten des Rhododendron-Urwalds um uns herum. Es bewölkt sich immer mehr. Werden wir es trockenen Fußes in unsere nächste Lodge schaffen? Ham eilt uns mit dem Gepäck auf dem Rücken voraus, das beschämt uns. Er ist zwar nur halb so alt wie wir, aber auch einen ganzen Kopf kleiner.

In Bamboo machen wir eine Stunde rast und vertilgen ein extra fettiges, kalorienreiches Mittagsmahl, gebratene Nudeln bzw. Reis. Während wir rasten, laufen ständig Jungs mit Holzkiepen an uns vorbei. Sie schleppen Steine zu einer Baustelle neben der Lodge. Jedes Haus hier ist buchstäblich auf dem Rücken von jungen Nepalis gebaut.

Beim Aufstehen nach der Rast merke ich den Muskelkater. Wir haben vorbeugend jeden Tag Magnesium genommen – es hilft nichts. Aber als die Muskeln wieder warm sind, geht es einigermaßen. Der Weg durch den Wald nach der Bamboo Lodge ist nicht mehr so steil, und wir erreichen schon nach einer Stunde Doban, unser Ziel für die Nacht. Die Tip-Top Lodge in Doban ist nicht besonders tip-top. Zwar gibt es Everest-Bier in Dosen, aber die Momos schmecken bescheiden. Und die Toilette der Tip-Top Lodge gehört zum fiesesten, was das Annapurna-Gebiet zu bieten hat. Wie die meisten Klos hier ist es ein Stehklo, also dieses schon an sich eher fiese Loch im Boden. Aber dieser Gestank! Und als Frau muss man sich dem Quell des Geruchs so unangenehm nähern, dass es besonders morgens Brechreiz verursacht. Wir suchen vergeblich nach einem Waschbecken und verzichten deshalb am Abend aufs Zähneputzen.

Wir sind zwar nur auf 2.500 Meter, aber es wird jetzt nachts richtig fies kalt. Deshalb liegen wir um 20 Uhr in unseren Schlafsäcken – Daune sei Dank! – und mummeln uns ganz fest ein. Ich brauche ewig, bis meine Füße endlich warm werden. Immer wieder höre ich Regen auf dem Wellblechdach unserer Lodge.

Hier alle Fotos vom Tag.

Siebter Tag: 1200 Meter höher – und Höhenkrank

Am Morgen ist der Himmel wieder klar, aber das Tal liegt noch in tiefem, kalten Schatten. Wir bekommen einen Wasserhahn gezeigt – die Alternative zum Waschbecken. Zähneputzen mit auf-den-Boden-spucken, der hier natürlich zugleich Wäschewaschplatz ist. Ich ziehe mich für den nächsten Abschnitt deutlich wärmer an. Unser Pfad geht erst Nepali-flach, dann mit deutlich angenehmerer Steigung aufwärts zum Ort Himalaya Hoitel, wo wir Tee trinken und rasten. Danach wird der Wald zu Buschwerk, und der Blick auf dramatische Steilwände frei.

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In Deurali machen wir Mittagsrast mit Gurong Bread und Nudelsuppe. Wir sitzen draußen, aber überdacht. Das ist praktisch, denn während wir essen, fängt es an zu regnen. In leichtem Schneeniesel machen wir uns wieder auf den Weg. Wir haben die Baumgrenze hinter uns, die Vegetation ist winterlich braun, der Weg hat keine ordentlichen Stufen mehr, sondern es muss über Geröll und Steine geklettert werden.

Schon kurz hinter Deurali müssen wir den Fluss Modi Khola überqueren und auf dem anderen Ufer weitergehen, wegen Lawinengefahr. Die großen Geröllbrocken machen den Aufstieg mühsam, hin und wieder geht es durch Matsch oder über verharschten Schnee. Dann kommt die Querung zurück auf die andere Seite des Flusses.

Der Schneefall wird stärker. Wir ziehen unsere Hardshells und Regenhosen an, Kamal nimmt seinen an einer Seite aufgeschnittenen Müllsack als Regenschutz, wie ihn auch die meisten nepalesischeen Träger verwenden. Durch Matsch, Geröll, Schnee klettern wir weiter, und langsam merke ich die Höhe. Jeder dicke Brocken bringt mich ganz schön ins Schnaufen.

Endlich kommt das Machapuchare Base Camp in den Blick. Verlockend thront es über uns. Aber vor dem Tee (kein Bier mehr über 3.000 Meter!) und dem Abendessen ist noch ein weiter Bogen zu bewältigen, um dort anzukommen. Der Umweg ist der Preis für eine etwas sanftere Steigung, bitter nötig bei unseren nachlassenden Kräften.

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Obwohl unsere Übernachtungen jeweils reserviert und bestätigt sind, ist es eine Lotterie, ob wir bei dem Trubel hier ein Zimmer bekommen oder mit anderen im Dining Room schlafen müssen. Denn die Lodge-Besitzer bevorzugen große Gruppen und verlieren schon mal eine Reservierung, um eine solche Meute noch unterzubringen. Aber am MBC haben wir Glück und unser kleines Kämmerlein.

Der Essensraum im Gurung Guest House, MBC, ist pickepackevoll. Um bis zum Abendessen durchzuhalten vertilgen wir jeder ein Snickers. Es ist wieder fies kalt, ich habe zunehmend Kopfschmerzen wegen der Höhe. Ein so starker Aufstieg an einem Tag ist für die Höhenkrankheit gar nicht gut. Idealerweise sollten zwischen den Übernachtungen nicht mehr als 500 Höhenmeter liegen.

Nach dem Abendessen macht der Lodge-Besitzer unter dem Tisch die Heizung an. In den Dining Rooms der Lodges gibt es jeweils einen einzigen großen Tisch mit Bänken drumherum. Hinter diesen Bänken, an der Wand entlang gereiht stehen die Notbetten für überzählige Gäste. Am unteren Rand des Tisches ist ein dicker Stoff befestigt, den man sich wärmend auf die Beine legen kann. Dieser Tisch mit Vorhang wird mit einem Petroleum-Brenner von unten beheizt – wenn die Gäste dies wünschen und sich über die Kosten einig sind, denn das kostet 150 nepalesische Rupien pro Person (etwa 1,20 Euro) – für jeden Touristen am Tisch. Hier am MBC ist die Wärme allen die 150 Rupien wert. Auch Kamal und Ham setzen sich zu uns und genießen die Wärme – für die sie als Nepalis natürlich nicht zahlen müssen. „Fried Tourists,“ scherze ich, und Kamal kichert.

Der Petroleumbrenner hat allerdings den Nachteil, dass er der Luft zusätzlich von dem wenigen Sauerstoff entzieht. Meine Kopfschmerzen werden stärker und plagen mich die ganze Nacht. Ich überlege, eine Diamox-Tablette einzuwerfen. Aber die Nebenwirkung ist, dass man vermehrt pieseln muss. Und bei dieser A…kälte aus dem Schlafsack zu kriechen ist irgendwie schlimmer als Kopfschmerzen.

Hier alle Fotos vom Tag.

Achter Tag: Gipfelfreuden

Am morgen ist mir neben den Kopfschmerzen auch noch leicht übel und ich fühle mich krank. Ich sehe wohl auch nicht besonders gut aus, denn Birgit schaut mich besorgt an. Wir hatten eigentlich vor, zum Annapurna Base Camp auf über 4.100 m aufzusteigen und dort zu übernachten. Angesichts meiner Höhenkrankheit ist dieser Plan nicht zu halten. Bei Höhenkrankheit gibt es nur eins: Absteigen.

Wir beschließen, um 7 Uhr ohne Tagesrucksack noch ein Stückchen hinauf zu gehen, um Fotos zu machen, und dann abzusteigen zum ersten Ort, an dem wir einen Schlafplatz finden. Das ist im Idealfall Deureali auf 3.340 m, der Ort, der am Nächsten liegt. Ich quäle mir ein paar Bissen rein, nehme eine Diamox, und los geht’s.

Ohne den Tagesrucksack mit mehreren Litern Trinkwasser und allerlei anderem Kram ist das Gehen leichter. Ehe wir’s uns versehen, haben wir schon die halbe Strecke zum ABC geschafft. Sollen wir nicht versuchen, das Base Camp zu erreichen? Es ist bitterkalt, aber wunderbar klar. Das Tal liegt noch im Schatten, aber vor uns lässt die Sonne die Berge gleißen.

Endlich erreichen wir die Sonne und die Sonne erreicht uns, Im Schatten fror ich trotz warmer Kleidung, jetzt lege ich die Fleece-Jacke ab. Die Kopfschmerzen sind recht erträglich. Es geht. Und geht. Und geht noch ein Stückchen.

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Da stehen wir endlich vor dem Schild, das die Besucher des ABC begrüßt. Wir haben es geschafft! Wir steigen noch auf einen kleinen Hügel oberhalb der Lodge am ABC und machen Fotos um Fotos. Ein gigantischer Ausblick. Kamal zählt die Namen der Berge auf, ich kann sie mir nicht merken. Nur den Machapuchare, den Fish Tail, erkennt man immer raus.

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Wir trinken einen Tee in der Lodge. Ruhig sitzend atme ich schwer – auch das ein Symptom der Höhenkrankheit. Auf der Toilette ist der Betonboden mit Eis überzogen. Ich grusele mich. Hier möchte man nicht ausgleiten! Als wir schließlich absteigen, ziehen die ersten kleinen Wolken auf. Die Sicht wird schlechter. Der frühe Vogel ist mal wieder im Vorteil.

Zurück im MBC schnappen wir unsere Rucksäcke und machen uns an den Abstieg. Inzwischen ist es ganz bewölkt, und es fällt eine Mischung aus Schnee und Niesel. Noch viele Trecker kommen uns entgegen, die zum ABC aufsteigen wollen. Eine gute Sicht und tolle Fotos haben die wohl nicht mehr.

Der Abstieg ist meine große Stunde. Ich hüpfe wie ein Reh über die Felsbrocken, mit jedem Meter tiefer fühle ich mich besser. Birgit kommt kaum hinterher und ist bei der Ankunft in Deurali völlig fertig.

Wir haben Glück. Es gibt ein winziges, nur mit dünnen Sperrholzwänden vom Dining Room abgetrenntes Kämmerlein für uns. Hier passen neben einem Bett für zwei die Gepäckstücke nur übereinander noch hinein. Aber es ist frei und gehört für diese Nacht uns.

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Wir verzichten wie schon im MBC auf eine Dusche. Es ist einfach zu kalt, um sich auszuziehen. Außerdem sind die sanitären Anlagen in Deurali etwa so ansprechend wie die der Tip Top Lodge. Die Toilette stinkt fürchterlich.

Es schüttet jetzt richtig, und die Kälte kriecht in alle Glieder, wenn man sich nicht bewegt. Im Dining Room ist eine Gruppe Touristen zu geizig für den Petroleum-Brenner, also gibt es keine Wärme. Drei misslaunige Inder können nicht verstehen, dass sie zusätzlich zu ihren offenbar zu dünnen Schlafsäcken keine Decke bekommen. Die Decken werden alle für die Nepalis gebraucht, die keine Schlafsäcke mitbringen.Wir ziehen uns in unsere kleine Holzschachtel zurück, kriechen in unsere schönen warmen Daunenschlafsäcke und lesen noch etwas.

Hier die spektakulären Fotos dieses Tages, unbedingt gucken!

Neunter Tag: Begossene Pudel

Am Morgen ist die Überwindung groß, aus dem warmen Schlafsack in die kalte Kleidung zu schlüpfen. Beim unvermeidlichen Gang zur Toilette würgt es mich. Wir brechen um halb 8 auf. Kurz nach Deurali überqueren wir einen Bach. Die Trittsteine liegen unter Wasser. Kamal geht voran und fällt plötzlich. Die Steine sind unsichtbar mit einer spiegelglatten Schicht aus Eis überzogen! Und der Bach fällt direkt neben unserem Pfad steil den Berg hinunter, es hätte bös ausgehen können. Wir warnen alle uns entgegen kommenden Wanderer.

Das Wetter ist zunächst noch freundlich, aber wird rasch schlechter. Wir trinken einen Tee in der Tip Top Lodge in Doban, während es anfängt zu regnen.

Von nun an gehen wir fast die gesamte, sehr lange Etappe im Regen. Wir erreichen die ersten Büsche von  Bambus, dann die ersten Bäume. Wir machen Mittag in der Bamboo Lodge, froh die nassen Klamotten ablegen zu können, Aber danach schüttet es erst richtig. Irgendwann macht auch der beste Hardshell-Regenjacke mal die Grätsche. Man fühlt am Arm eine kleine sich ausbreitende Nässe, Die Knie werden feucht. Unangenehm. Zu allem Überfluss kommt noch fieser Wind auf. Kamal weht es sein Plastik weg, er wird immer nasser.

Wir verlassen jetzt das Annapurna Sanctuary. Das heißt nicht nur so, es ist auch heilig. Deshalb gelten hier ganz besondere Regeln: Kein Fleisch (wohl aber Eier, Milch und Thunfisch aus der Dose) darf hier verzehrt werden.

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Und auch sonst hat man sich reinlich zu benehmen:

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Beziehungsweise: hatte man sich reinlich zu benehmen, Nachdem wir dieses Schild passiert haben, dürfen wir wieder rotzen nach Herzenslust. Tun es aber trotzdem nicht.

Wir flüchten uns in eine Lodge kurz hinter Sinowa und wärmen uns an einem Tee. Als der getrunken ist, kriecht die Kälte uns wieder in die Knochen. Rumsitzen bringt’s nicht, wir müssen weiter. Immerhin lässt jetzt der Regen nach. Ich denke an die vielen Trecker, die uns auf dem Weg nach oben entgegen gekommen sind. Was hier als Regen fällt, ist weiter oben Schnee, der die Wege unpassierbar macht. Von der fehlenden Sicht auf die Berge mal abgesehen. Wir haben unglaubliches Glück.

Es folgt der steile und lange Abstieg zur Hängebrücke. Ich habe Gummibeine und falle ein mal hin, tue mir aber nichts. Endlich sind wir an der Brücke und binden die Gebetsschals, die wir 2010 zum Abschied bekommen haben dort fest, wie es buddhistischer Brauch ist.

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Ich freue mich fast auf den Aufstieg. Aber nur kurz. Er ist auf die Dauer dann halt auch elend. Irgendwann fange ich zur Unterhaltung an, die Stufen zu zählen. Es sind weit über tausend. Die Schinderei hat allerdings einen großen Vorteil: es ist einem warm.

Völlig erschöpft erreichen wir die Lodge in Chomrong. Wir genießen die erste Dusche seit drei Tagen und ein Bier! Und es gibt herrliche, knusprige Pizza. Und es ist am Abend nicht mehr so garstig kalt, sondern harmlos kühl.

Hier alle Bilder des Tages.

Zehnter Tag: Heiße Quellen und Reden im Schlaf

Heute ist ein lazy day angesagt. Wir frühstücken erst um halb 8, denn die vor uns liegende Etappe nach Jhinu Danda ist kurz und bergab. Fröhlich machen wir uns auf den Weg. Es ist diesig, aber bald kommt die Sonne durch.

Der steile Abstieg über Treppen führt über eine endlose Reihe kleiner Bauernhütten und Kioske, bepflanzte Terrassen und Vieh-Unterstände. Einmal sehe ich einen Mann im Rollstuhl auf einer dieser winzigen Terrassen. Barrierefrei ist diese Gegend wahrlich nicht.

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Kamal zeigt uns ein paar junge Hanf-Pflanzen. Auch diese Nutzpflanze wird hier angebaut, so so. Ich mache eine Bemerkung über den Vorabend. Von der Küche her, wo Kamal, Ham, die Leute von der Lodge und vermutlich noch andere Nepalis saßen, zog der intensive Geruch von Gras durch die gesamte Lodge. Muss ein netter Abend gewesen sein.

In Jhino Danda kommen wir zu der Lodge, in der wir reserviert haben – und werden abgewiesen. Unsere Reservierung ist „verloren“, die Lodge voll. Kamal fragt für uns herum. Birgit moppert. Ein erstes Zimmer gefällt ihr nicht. Das nächste nimmt sie dann moppernd, weil ich Druck mache. Die Lodge ist ok. Wir essen Mittag in der Sonne im freien und beobachten zwei kleine Zicklein, die auf den Tischen herum klettern.

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Vor uns macht ein junger Mann die Wäsche. Er nimmt die eingeweichten Laken aus einer großen Schüssel, breitet sie auf dem Beton der Wasserstelle aus und bürstet. Dann lässt er kaltes Wasser drüber laufen, und wringt die Wäsche mit nackten Füßen aus. Es gibt hier nirgends heißes Wasser für die Wäsche. Und Waschmaschinen eh nicht. Wäsche ist Handarbeit.

Wie machen sie das oben im Machapuchare Base Camp, und erst recht im Annapurna Base Camp? In diese elenden Kälte mit nassen Händen Wäsche wringen. Und wie kriegen die dort ihre Laken trocken? Kein Wunder, dass diese nicht für jeden Gast gewaschen werden… Und so sehen sie auch nicht aus.

Das Mittagessen ist eine Beinahe-Katastrophe: Birgit bekommt Pommes, die kalt und halb roh sind. Aber Kamal greift in der Küche ein und lässt nacharbreiten. Der Tag ist gerettet. Wir steigen dann zu den heißen Quellen ab, wegen denen der Ort Jhinu Danda so überfüllt ist. Es ist natürlich wieder eine ganze Strecke und steil, wir sind ja schließlich in Nepal.

Unten gibt es eine Wellblechhütte, in der man sich umziehen kann. Wir schlüpfen in die Badesachen, auch Kamal. Nur Ham, unser Träger will nicht. Er sagt, dass ihn das Baden nur müde mache für die Strecke am nächsten Tag.

Das warme Wasser kommt aus zwei Rohren, unter denen man duschen kann. Ich wasche mir zum ersten Mal in Nepal die Haare. Dann gibt es drei Pools aus Natursteinen, in denen die Leute dümpeln. Wir gesellen uns zu einer Amerikanerin und einem Australier, die recht witzig sind. Er versucht mit ihr zu flirten, hat aber leider ihren Namen vergessen, den sie ihm bereits genannt hatte. Mit „hey american girl“ kommt er bei ihr nicht weit. Also regt er an, dass wir beide uns dem Mädel bekannt machen. Ich sage: „Nice to meet you, american girl. This is german girl 1 and I am german girl 2.“ Das american girl freut’s.

Zurück in der Lodge probieren wir eine neue Sorte nepalesisches Bier: Nepal Ice. Das Ergebnis ist eindeutig: Everest Bier und Gurkha Bier sind und bleiben die richtige Wahl. Im Dining Room der Lodge läuft tierisch laut ein Fernseher. Nach den Tagen der Ruhe und Medienfreiheit ist das ziemlich nervig. Der Raum ist voll und hektisch, es dauert ganz schön lang bis wir unser Essen kriegen. Irgendwann kommt ein Huhn in den Raum gelaufen, ist aber leider verscheucht, bevor ich ein Foto machen kann.

In der Nacht wache ich von lautem Gerede auf. Die Zwischenwände zwischen den Zimmern sind hier wie auch bei den anderen Lodges aus dünnem Sperrholz, also etwa so schalldämpfend wie ein Vorhang. Na super, denke ich, die Frau nebenan redet im Schlaf. Ich drehe mich um und schlafe wieder ein. Wieder wache ich auf, ich höre es jammern und quengeln und heulen. Mädchen, beende Deinen Alptraum, sag ich mir und schlafe sofort wieder ein. So geht das noch ein paar Mal. Dann weckt mich der Donner von gegen die Sperrwand hauenden Körperteilen. Hat die Alte auch noch das Restless Leg Syndrom, denke ich. Reden und Zuckungen im Schlaf, das ist ja wirklich das Letzte. Aber wie zuvor habe ich keine Mühe, rasch wieder in wohligen Schlaf zu versinken.

Hier alle Bilder des Tages.

Elfter Tag: Namaste in Tolka

Am nächsten Morgen frage ich Birgit, ob sie auch die Frau gehört hätte, die im Schlaf redete. Birgit schaut mich entgeistert an. „Du hast geschnarcht wie sieben Sägewerke! Die Frau wollte dich wecken damit Du aufhörst!“ Es war die Hölle, sagt sie. Von rechts hätte ich gesägt, von links schrie und trommelte die Frau im Zimmer nebenan,. „Ich habe irgendwann auch mal gegen die Wand gehauen und geschrien, sie soll gefälligst Ohrstöpsel nehmen und ruhig sein,“ erzählt sie. Irgendwo ist  mir das schon ein wenig unangenehm.

Wir nehmen das Frühstück im Freien ein. Es gelingt mir, meinem Schnarchopfer von nebenan nicht mehr zu begegnen. Ist vielleicht besser so. Wenn ich ihr erzählen würde, dass ich trotz allem eigentlich ganz gut geschlafen habe, wäre sie bestimmt nicht entzückt.

Wir brechen wieder zeitiger auf, denn die Etappe heute ist wieder normal lang, also etwa sechs bis sieben Stunden Gehzeit in „bistare, bistare“-Tempo, also altersgemäß geschlichen. Es beginnt mit einem gemütlichen Abstieg zu den zwei Hängebrücken, die wir überqueren müssen. Und, was ganz ungewöhnlich für Nepal ist, zwischen diesen beiden Brücken gibt es keinen steilen Auf- und Wiederabstieg!

Die zweite der Brücken heißt wie der kleine Ort dazu „New Bridge“, ist aber ein betagtes Schätzchen von 22 Jahren. Die Drahtseile sind rundum mit Rost verziert, die Holzbretter auf denen man läuft, weisen Brüche auf. Hier ist der englische Name für Hängebrücke, „suspension bridge“ wirklich angemessen.

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Am Ende der Brücke ist eine Tafel angebracht, auf der die Sponsoren genannt sind, die ihre Errichtung ermöglicht haben, mit der Summe, die sie gegeben haben. Kamal nutzt die Tafel, um uns die Zahlen in der indischen Schrift (die auch in Nepal genutzt wird) zu erklären.

Dann ist es mit der Gemütlichkeit vorbei. Es folgt ein Nepali-flacher Anstieg nach Landrung, wo wir dann auch müde und hungrig genug für unsere Mittagsrast sind. Unter den Augen und Kommentaren des halben Dorfes spannt direkt unterhalb der Lodge ein Bauer zwei Ochsen an. Das braucht eine Weile, weil die Rindviecher andere Pläne haben, zum Beispiel fressen. Schließlich hat er sie doch so weit, und bewegt die Tiere mit viel Schreien, fuchteln und gelegentlichen Stockhieben dazu, auf dem winzigen Feld ihre Furchen zu ziehen. Die Frau läuft hinterher, wirft ausgerissenes Unkraut zur Seite und sät Mais in die Furchen.

Hier auf etwa 1.500m ist meistens Mais gepflanzt, Reisfelder liegen noch tiefer in den breiteren Tälern. In der unmittelbaren Nähe der Häuser liegen stets die Gemüsefelder, mit Kohl, Knoblauch, Kartoffeln, Mangold. In den sonnigeren und tieferen Lagen finden sich auch Bananen und Aprikosenbäume.

Weiter geht’s wieder eine etwas gemütlichere Strecke. Wir trinken Tee in einer kleinen Lodge, wo eine traditionelle Webvorrichtung auf der Veranda liegt. Es sind mehrere Balken, auf denen die Webfäden aufgezogen sind, und die im Prinzip auf dem Boden liegen.  Ein kurzes Stück Stoff ist bereits gewebt, es ist das klassische Muster der traditionellen, kreuzweise getragenen Tücher der Tracht der Männer. Man muss sich das vorstellen wie das Baby-Tragetuch einer Prenzlauer Berg-Mutter. In diesen Tüchern werden Werkzeuge wie Sicheln verstaut.

Wir kommen an einer Wassermühle vorbei, in der Getreide zu Mehl vermahlen werden kann. Ham setzt gekonnt die Mühle in Gang, der Mühlstein dreht sich erstaunlich schnell.

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Hinter Landruk kommen wir an die „Straße“ – allenfalls von Jeeps befahrbar, aber in Nepal gilt so ein Feldweg als Straße. Unser Weg ist jetzt weniger schön als vorher, das Wetter ist nach wie vor etwas diesig, aber es ist trocken und warm. Mal verlassen wir die Straße und nehmen einen Pfad als Abkürzung, dann folgen wir wieder der staubigen Piste. Wir erreichen Tolka, aber es ist noch eine halbe Stunde Weg bis zu unserer Lodge, der Namaste Lodge.

Im Garten der Lodge gibt es ein bei Nacht beleuchtetes Herz. Und das Zimmer hat – absoluter Luxus! – einen „private bathroom“, ein Kämmerchen in dem die Dusche direkt auf das Klo regnet – aber nur für uns allein und ein Sitzklo!

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Namaste sagt man zur Begrüßung und zum Abschied. Für uns vier ist es der letzte Abend zusammen, morgen nehmen wir Abschied. An diesem letzten Abend ist es üblich, Träger und Guide einzuladen und mit ihnen zu feiern, und man übergibt das Trinkgeld und gegebenenfalls weitere Geschenke. Es hat sich eingebürgert, dass die Trecker nicht mehr benötigte Ausrüstung verschenken. Ich trenne mich von meiner Hardshell-Jacke mit heraus nehmbarem Fleece-Innenteil, denn ich will mir was Neues kaufen. Kamal und Ham bekommen von uns außerdem ein ordentliches Trinkgeld in Landeswährung. Ham lässt sich von uns ein Everest Bier spendieren und seinem Gesicht ist deutlich anzusehen, dass er diesen Luxus nicht oft genießen kann. Kamal verträgt keinen Alkohol, aber auch der Fruchtsaft, den er sich schmecken lässt, ist für Nepalis Luxus. Es gibt köstliches Dal Bhat, zur Feier des Tages mit Huhn (auch das für Ham und Kamal ein seltenes Festessen).

Hier alle Bilder des Tages.

 

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Noch bevor unsere Gäste sich anschickten, heimzurollen baten sie vielstimmig um Rezepte. Diese Bitte möchte ich ihnen gerne gewähren, ist es nicht?

Das köstlichste Topfbrot

Fangen wir an mit dem wirklich genialen Krustenbrot. Wichtigste Zutat ist ein schwerer gußeiserner Topf mit ebensolchem Deckel, Le Creuset oder Remakes davon.  Zweitwichtigste Zutat ist Zeit. Am Vortag wird der Teig angesetzt: 425 g feines Dinkelmehl, 100 ml lauwarmes Cervezia  Bier, 200 ml lauwarmes Wasser, 1,5 Teel. Salz, 1 Eßl. Weißweinessig und nur 1/4 Teelöffel Trochenhefe werden mit einem Holzlöffel rasch verrührt, nicht kneten. Die Schüssel abdecken und den Teig 18 Stunden gehen lassen. Dann den Teig auf eine bemehlte Arbeitsfläche geben, und ihn 10-15 mal auseinanderziehen und zusammenfalten. Der Teig kommt dann auf ein Stück Backpapier (groß genug, dass man ihn daran anheben kann) und wird wieder in eine Schüssel oder eine Springform gesetzt. Man bepinselt ein Stück Frischhaltefolie mit Öl und legt diese mit der öligen Seite nach unten auf den Teig. Dann geht der noch mal zwei Stunden. Jetzt ist der gußeiserne Topf dran. Den Knopf vom Deckel abschrauben, und ggf. auch die Griffe – die sind meist nur bis 220° hitzebeständig, und das reicht nicht. Den Ofen bis zum Maximum hochdrehen und den Topf darin heiß werden lassen. Schlaue Menschen legen den Deckel so auf, dass sie ihn später gut mit dem Topflappen greifen können. Wenn alles heiß ist, wird der Teig in den Topf gesetzt, Deckel drauf, und 30 Minuten backen. Dann den Deckel abnehmen, auf 220° runterschalten und noch mal 15-18 Minuten backen.

Maronen-Kürbis-Suppe mit Pilzen

Zutaten:

Zwei Streifen Bacon (oder mehr)
2-3 Zwiebeln
1 Butternusskürbis (ca. 1 Kg)
30g getrocknete Steinpilze plus 250g frische Shitake-Plize (oder nur Steinpilze bzw. nur frische Pilze, dafür aber mehr)
Olivenöl
zwei Zweige Rosmarin von ca. 15 cm
2 Pakete gekochte Esskastanien à 200g
etwas Chili aus der Mühle
eine Handvoll Perlgraupen
1,2 l Hühnerbrühe (oder einen guten Fond/Konzentrat)

Die Steinpilze in heißem Wasser einweichen und ein wenig im Wasser bewegen, damit der Sand auf den Boden fällt.

Den Kürbis mit einem Sparschäler schälen, halbieren, die Kerne entfernen und ihn in Würfel von etwa 1 cm schneiden. Die Maronen ebenfalls mundgerecht kleinschneiden oder zerkrümeln. Den Bacon in Streifen schneiden und auslassen, die Zwiebeln würfeln und dazugeben, und dann alle anderen Zutaten dazu und alles zusammen in Olivenöl anbraten. Die Steinpilze aus dem Einweichwasser holen und sie dazugeben, dann das Einweichwasser vorsichtig in den Topf gießen, der Sand sollte nicht mitkommen. Die Brühe dazu, und die Suppe 40 Minuten köcheln lassen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Lorbeer-Apfelessig Schweinebraten

Für 10 Personen 2 Kg Schweinerücken mit Schwarte, Bio-Qualität
Olivenöl
20 frische Lorbeerblätter
250 ml Apfelessig
2-3 Zwiebeln
2 Teel. Fenchelsamen, im Mörser zerrieben
Salz, Pfeffer, Muskatnuss
Die Schwarte des Bratens mit einem scharfen Messer kreuzweise einritzen und mit den Gewürzen einreiben. Den Ofen auf die maximale Stufe vorheizen. Einen Bräter, in den das Fleisch möglichst genau hineinpasst auf dem Herd stark erhitzen, dann etwas Olivenöl hinein und das Fleisch mit der Schwarte nach unten – zisch – für vier Minuten anbraten. Dann das Fleisch aus dem Bräter heben, Zwiebeln und Lorbeer unten hineingeben und es mit der Schwarte nach oben wieder auf die Zwiebeln und den Lorbeer setzen. Mit dem Essig begießen. In den Ofen damit, und die Temperatur auf 200° reduzieren. Das Fleisch braucht dann etwa 1 Stunde und 20 Minuten. Währenddessen 1-2 mal mit dem Essig aus dem Bräter begießen. Man kann die Temperatur auch noch stärker reduzieren und die Bratzeit verlängern. Dann wird der Braten aufgeschnitten. Aus der Sauce entfernt man die Lorbeerblätter und gegebenenfalls entfettet man sie, bevor man sie nach Geschmack mit Wasser verlängert, bindet und abschmeckt.

Erbsen mit Minze

1200g Tiefkühlerbsen (2 Paktet a 600g)
4 kleine oder 3 größere Kartoffeln
50 g Butter
1 Bund frische Minze
Salz, Pfeffer

Die Kartoffeln schälen und in Würfel schneiden, in Wasser kochen bis sie weich sind. Dann die Erbsen dazugeben und garen. Das Wasser abschütten und die Erbsen mit der Butter stampfen, es muss nicht sehr fein werden, einige Erbsen können ruhig ganz bleiben. Die Minzblätter grob hacken und unter das Püree geben, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Das ist die Beilage zum Braten.

Flapjack Crumble

Am besten man bereitet hier den Boden, das Kompott und die Streusel getrennt vor und schiebt dann alles zusammen in den Ofen, wenn man den Hauptgang aufgetragen hat. Dann ist das Desert just in time fertig, wenn die Gäste bereit für das süße Finale sind.

Boden:
50 g gemischte Nüsse (Walnüsse, Haselnüsse, was man so hat)
1 Stück eingelegter Ingwer gehackt oder frischer Ingwer, gerieben
125 g  Butter, plus Butter zum Einfetten der Form
3 Eßlöffel Zuckerrübensirup (oder Zuckerrohrsirup)
175 g Haferflocken (grob oder fein, beides geht)
75 g gemischte Trockenfrüchte (Aprikosen, Cranberries, Pflaumen, Rosinen… was man so hat)

Kompott:
1 Boskop Apfel und 6 weitere Äpfel (mittelgroß) alle geschält, ohne Kerngehäuse, und in Spalten geschnitten
100 g brauner Zucker
1/2 Teel. gemahlener Zimt
etwas frisch geriebene Muskatnuß
1 Schuss Rum, Brandy, Likör – was so zur Hand ist
300g tiefgefrorene Kirschen oder Brombeeren oder andere säuerliche Beeren

Streusel:
75 g kalte Butter in Würfel geschnitten
100 g Mehl
75 g brauner Zucker
abgeriebene Schale einer Bio-Orange (Ich schäle Bio-Orangen und Zitronen immer mit dem Sparschäler, hacke die Schalen fein und friere sie in kleinen Schraubgläsern ein, wenn ich nicht die gesamte Schale brauche. So habe ich dieses großartige Gewürz immer zur Hand)

Für den Boden wird die Butter mit dem Sirup zusammen geschmolzen. Alle anderen Zutaten gibt man in eine Schüssel und vermengt sie, gießt dann die Sirupbutter drüber und mischt alles zu einer klebrigen Masse. Eine Auflaufform von 20×26 cm passt genau für das Rezept. Die Bodenmasse darin verteilen und auch die Wände hochziehen, dann den Boden bei 180° 20 Minuten backen.

In einem Topf die Äpfel mit dem Zucker, dem Alkohol und den Gewürzen bei mittlerer Hitze 5-10 Minuten bei offenem Deckel dünsten, dann die aufgetauten Beeren oder Kirschen dazugeben. Alles zusammen auf den Boden geben.

Die Zutaten für die Streusel miteinander verreiben und obendrauf krümeln. Den Crumble für 50 Minuten in den Ofen schieben.

Parallelwelten

Heute blogge ich mal über Musik. Habe ich noch nie getan. Aber da ich hier ja generell über Dinge blogge, von denen ich keine Ahnung habe, ist Musik genauso passend wie jedes andere Thema. Und ich muss etwas loswerden.

Gestern waren Frau Dr. und ich bei dem Open-Air-Konzert im Rahmen der IFA, das „Neue DeutschPoeten“ verhieß. Was uns dorthin zog war „Wir sind Helden“, von sämtlichen anderen Künstlern hatten wir noch nie gehört. Wir kamen eine Weile, nachdem das Konzert angefangen hatte, hörten von ferne einen der Acts, vielleicht war es „Kraftclub“, und beschlossen einen Rundgang über die IFA zu machen, bis die Musik hoffentlich besser wird.

Wir strichen dann durch die Hallen mit den Haushaltsgeräten. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den neuesten Küchenmaschinen, die Nudelteig verarbeiten und kochen können. Wir himmelten reihenweise Wein-Kühlschränke an. Wir belächelten die Staubsauger-Roboter. Einen Roboter kaufe ich erst, wenn der Treppen laufen kann und mir den Kasten Bier vier Treppen hochträgt. Wir freuten uns an Waagen im Schaf-Design mit dem Spruch „Ich hab schwere Wolle“. Und wir überlegten, welchen Kaffee-Vollautomaten wir kaufen würden, wenn wir nicht schon einen hätten.

Dann schloss die Ausstellung, und wir gingen zurück zum Konzertgelände. Dort coverte Marteria gerade ein Lied von Peter Fox. Das Lied ist gut, und die verdarben es wenigstens nicht. Dann betrat ein Typ die Bühne, mit einem scheußlichen gestreiften T-Shirt und einem Fusselbärtchen an seinem Eierkopf. Da gab es hübsche junge Mädels die ihn anhimmelten. Eine gute Nachricht für alle Männer: Ihr könnt noch so scheiße aussehen (und singen) irgend jemand findet es gut. Der Typ heißt Philipp Poisel, ein Name den ich mir merken werde, um demnächst die Flucht zu ergreifen. Hat so ne Knödelstimme wie Grönemeyer. Die Texte sind nicht schlimm genug, um richtig peinlich zu sein, und nicht gut genug, um auch nur einen Hauch von Interesse zu wecken. Die Musik ist… vergessen. War da Musik?

Endlich kamen die Helden dran, und sie rechtfertigten das Warten. Ich frage mich nur, warum der Mann von Judith Holofernes unbedingt so aussehen will wie der junge Osama Bin Laden. Drei mögliche Gründe gibt es: Er findet Haare schneiden und rasieren scheiße. Er hat keinen Spiegel und niemand sagt ihm wie er aussieht. Er will die einzige Frisur haben, mit der man heute noch anecken kann. Alles nach meiner unmaßgeblichen Meinung nicht wirklich überzeugend. Aber er spielt geil Schlagzeug und singt schön die Backings für seine Frau. Und irgendeinen Trick muss er sonst noch können, sonst hätte er gar keine so tolle Frau abgekriegt.

Leider geht so eine Stunde dann doch schnell vorbei. Und nach den Helden kam dann der angekündigte Höhepunkt und Haupt-Act. Clueso und Band. Hatte ich auch noch nie gehört. Überraschung Nr. 1:  Die Moderatorin sprach den Typ „Klüso“ aus. Okay, ich habe nicht wirklich einen besseren Vorschlag für die Aussprache von „Clueso“. Aber wir kommt man bloß dazu, wenn man so einen Witzlaut wie „Klüso“ als Künstlernamen wählt, der ja  immerhin noch ironisch oder witzig gemeint sein könnte, so eine angestrengt bildungsbürgerliche Schreibweise dafür festzulegen? Was soll das?

Ich stellte dann fest, dass ich keines der Lieder je gehört hatte. Da spielt so ein Top-Act aus Erfurt. 13.000 Leute wollen den sehen. Weil sie den kennen. Der Typ stammt ganz klar aus einer Parallelwelt. Gar keine so kleine Parallelwelt. Wo hatte die sich die ganze Zeit versteckt? Und was zum Teufel  finden die vielen Leute daran so attraktiv?

Als DeutschPoet hat Klüso Ansätze. Manche Texte sind okay bis nicht so schlecht. Auch die Musik hat Ansätze, vor allem das Keyboard. Aber nach ein paar Takten, man denkt grad hey, das könnte was werden, wird das Stück wieder verdaddelt und verlangweilt. Ein wenig ist es wie weißer Jazz. Feeling fehlt. Und alles ist zu pickepackevoll. Ein richtiger Stil ist nicht auszumachen.

Eine hörbare Deutsche Welle gab es schon in den 80ern so pauschal nicht. Neben Glanzlichtern wie Falco und Rio Reiser gab es den Driss wie Nena. Und jetzt, 30 Jahre später ist es genauso. Gute Musik mit deutschen Texten ist die Ausnahme, und nicht die Regel.

Fishing in Action

Wie hier schon erwähnt, bin ich ja Freifisch, auf ausländisch Open Water Diver, und wenn man das ist, darf man unter Wasser schwimmen. Wie son’n Fisch halt. Am Pfingstwochenende habe ich von diesem Privileg erstmals ohne alle Tauchlehrer Gebrauch gemacht. Hatte aber Detlef und Harry dabei, und Detlef hatte seine Unterwasserkamera mit. Deswegen – taa taa – gibt es hier nicht nur Beweisfotos vom Hecht, den wir gesehen haben…

Der Hecht im Straussee

Der Hecht im Straussee

Sondern auch Bilder von mir. Ja, gibt es. Gibt es auch gleich zu sehen. Wer genau hinguckt, kann eine rote Nase in der Taucherbrille erkennen. Ich hatte mir die Haare frisch gefärbt, und das in die Maske eingedrungene Wasser war rot. Das nimmt den Bildern etwas den feierlichen Ernst.

Clowntaucher

Clowntaucher

Ich weiß nicht ob ich mit dem Bild bei den waschechten Jacques-Yves Cousteaus und so einreihe, möglicherweise ist es schädlich für’s Image, aber andererseits ist es ein Bild von mir unter Wasser…

Ach was, urteilt selbst.

Der Fisch schwimmt

Der Fisch schwimmt

Freifisch, Level 1

Herzlichen Glückwunsch an mich selbst, ich habe den Open Water Diver, Level 1, erworben und darf mich jetzt Fisch nennen. Das heißt, wenn ich ungut rieche, dann immer vom Kopf her. Aber das kommt eh‘ nicht vor bei mir.

Letztes Wochenende am Carwitzer See, in Thomsdorf, fanden die Exerzitien zum Freifisch statt. Es begann mit dem Beladen von Wägelchen, denen folgendes aufgepackt wurde: Große Flaschen aus Stahl mit gepresster Luft darin. Schläuche mit Atemreglern und Messgeräten. Ein schwarzes Neoprenmonster, das einen eigentlich bloß wärmen soll, aber aus purer Bosheit dabei noch den Hals würgt, kleinere schwarze Neoprenmonster für Hände Kopf, und Füße sowie eine Art Neopren-Unterwäsche. Je 8 Kilo Blei für Frau Dr. und mich. Riesige Westen, an denen die Luftflaschen befestigt werden. Flossen. Masken.

In mehreren Fuhren wurde dieser halbe Umzugswagen von Kram von der Tauchbasis zu einer Wiese am See geschafft. Dort angekommen begannen wir einen ungleichen Ringkampf mit den Neoprenmonstern. Normalerweise ist es ja so, dass einen das Monster fressen will, und man selbst will das Gegenteil. Hier war es nun umgekehrt. Wie den armen Gänsen bei der Herstellung der berühmten der Foie Gras stopften wir uns den Monstern ins Maul, gegen deren erbitterten Widerstand, millimeterweise trieben wir Arme und Beine in die schwarzen Rachen, und wurden gewürgt zum Dank. Die Sonne lachte und briet uns freundlich. Dann schwangen wir uns die Westen auf den Rücken, mit dem Gewicht der Flasche und den 8 Kilo Blei dran.

Wir wankten von Brandenburg nach Mecklenburg-Vorpommern (also von der Wiese zum Steg). Dort holte der Tauchlehrer zu länglichen Erläuterungen aus, während mich der Druck des Gewichts auf den Schultern Millimeter um Millimeter schrumpfte. Kurz bevor ich zur Tablette gepresst war durfte ich den Steg hinauf wanken und mich setzen. Klonk, machte die Flasche und stand auf dem Steg. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit gefühlten Stunden gut. Füße im Wasser, aaaahhh. Flossen anfummeln, Maske aufsetzen, Jacke aufpumpen, ab in den See!

Der Tauchlehrer mahnte uns, die Luft vorsichtig aus unserem Fortgeschrittenen-Schwimmflügel (Fische sagen Jacket dazu) herauszulassen, und langsam abzutauchen ohne in das Sediment am Grund… Wir fielen wie die Steine in den schlammigen Grund und befanden uns in finsterer Nacht aus aufgewirbeltem Sediment. Willkommen, liebe Tauchanfänger, rief ein unsichtbarer Fisch und suchte das Weite.

Frau Dr. und ich verbrachten einige Zeit damit, wieder Luft in das Jacket einzulassen und zu hoch nach oben zu schießen, um danach erneut im Sediment zu landen und so weiter. Wir machten dabei Fortschritte von saumäßig bis mäßig. Aber wir sind ja erst Level 1 Fisch. Man muss sich ja steigern können. Ich weiß jetzt wie Schilf von unten aussieht und finde es erstaunlich lang, so ein Schilfrohr. Das geht unter Wasser noch 3 Meter weiter. Außerdem weiß ich, das da wo es im Sediment gehuscht hat, ein Krebs gewesen ist. Jemand von uns hat auch einen Fisch gesehen.

Alles das ist dann aber auch ohne Bedeutung, denn was wir im Carwitzer See wollten ist die Lizenz zum selber tauchen, ohne Tauchlehrer. Und die haben wir jetzt.

Als wir uns nach unseren Tauchgängen aus den Neopren-Monstern herausschälen wollten, hatten die übrigens ihre Meinung über uns radikal geändert. Sie bissen sich an uns fest und wollten uns nicht mehr herausgeben. Wieder ein Ringkampf. Vielleicht ist Tauchen doch eher wie Ringen und nicht wie Gewichtheben. Oder, wie es einer von den Tauchlehrern sagte: Tauchen ist so lange Sport, bis man im Wasser ist. Und danach auch wieder.

Was dem Wintersportler sein Après-Ski, ist dem Taucher übrigens sein Deko-Bier. Deko steht hier für Dekompression, der beim Tauchen im Körper angereicherte Stickstoff mus raus, und ein Bierchen spült, zwei spülen mehr, und so weiter. Während das Bier seine Arbeit tat, drehte sich ein Wildschwein auf dem Spieß im Hotel neben der Tauchbasis, es gab ungeheuer leckeren selbst gemachter Kartoffelsalat und vieles mehr zu sagenhaft günstigen Preisen. Frau Dr. und ich wurden Raubfische und fielen über das Essen her.

Tapas-Wahnsinn (update)

Ich hab ihn schon im Ohr, den spitzen Schrei, ausgerufen mit dieser typischen Mischung aus Bewunderung und Mitleid, gewürzt mit dem allzu vertrauten Zweifel am Status meiner geistigen Gesundheit: „Boah, hast Du dir eine Aaaaarbeit gemacht!“

Wir haben Tapas geplant. Vielleicht ist schon das ein Fehler. Dennoch ist es nötig. Denn ich habe in Berlin noch nirgends gute spanische Tapas gegessen. Und ich habe mindestens 7 Versuche gemacht. Alles unspektakulär bis inakzeptabel. Wer einen Tipp hat, bitte gerne! Aber Vorsicht: Dosenartischocken warm machen, Wurst aufschneiden und in den Ofen schieben, Majonäse aus dem Glas mit etwas Knofi mischen, Oliven in Schalen füllen – das kann jeder. Damit kann man mir nicht kommen.

Knuspriges Topfbrot mit Aioli

Das klingt einfach, aber wer sich diesem Thema mit Liebe, Geduld und dem folgenden Rezept widmet, wird nicht weniger als eine  Offenbarung erleben. Versprochen! Man beginnt am Vortag der Sause mit dem Brot.

nötige Ressourcen:
24 Stunden Zeit
425g feines Dinkelmehl (Type 650) oder normales Weißmehl
1/4 TL Trockenhefe
1 1/2 TL Salz
100 ml zimmerwarmes Bier
1 EL Weißweinessig
Backpapier
1 schwerer gusseiserner Topf oder Bräter mit hitzefestem Deckel (ggf. den Plastikknopf, der i.d.R. nur bis 220°C hitzebeständig ist, einfach abschrauben für den Zweck)
Mehl und Öl zum Bearbeiten
Frischhaltefolie

2 Scheiben stinknormales Kastenweißbrot ohne Rinde
1/8 l Milch
6 Knoblauchzehen, geschält (seid nicht feige, Leute!)
1 TL Salz, am Besten grobes
1/4  l bestes Olivenöl
1 Eigelb (ganz frisch)
Zitronensaft

Mehl, Hefe (keinesfalls mehr Hefe nehmen!)  und Salz in einer Schüssel mischen, 200 ml lauwarmes Wasser, Bier und Essig zufügen und mit dem Rührgerät (Knethaken) schnell vermengen, nicht mehr kneten als nötig. Der Teig ist relativ weich für einen Brotteig. Schüssel abdecken und 18 Stunden bei Zimmertemperatur gehen lassen.

Den weichen Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche auseinanderziehen und zusammenfalten, das etwa 10 bis 15 mal wiederholen. Einen Bogen Backpapier in eine Runde Form legen, z.B. eine stinknormale Springform von 24 cm Durchmesser, den Teig hinein (das Papier muss überstehen, am Papier packt man später den Teig). Den Teig mit etwas mit Öl bepinselter Klarsichtfolie (Ölseite nach unten natürlich) abdecken und noch mal 2 Stunden gehen lassen.

Den gusseisernen Topf in den Ofen stellen. Den Deckel ohne Knopf schräg aufsetzen, so dass man ihn später mit dem Topflappen fassen kann. Alles zusammen auf 250°C aufheizen. Den Teig mit einem scharfen Messer kreuzweise einschneiden und mit etwas Mehl bestäuben. Am besten zu zweit die kritische Operation durchführen: Ofen auf, Topf auf, Teig rein, Deckel zu, Ofen zu. Das Brot im geschlossenen Topf  30 Minuten backen, dann den Deckel abnehmen und den Ofen auf 220° runterschalten, noch mal 15-18 Minuten backen.

Für das Aioli das Weißbrot würfeln und in der warmen Milch einweichen. Währenddessen die Knoblauchzechen mit dem Salz im Mörser zerreiben (nur wer keinen Mörser hat, darf die Knoblauchpresse nehmen). Das Brot ausdrücken und in die Masse einarbeiten, beides in einer Schüssel mit dem Eigelb mischen, bis eine glatte Masse entstanden ist. Dann das Öl erst tropfenweise, dann in einem dünnen Strahl dazugießen und währenddessen pausenlos rühren, ab besten geht das mit einem Silikon-überzogenen Schneebesen. Mit Zitronensaft abschmecken.

Update: Vera brachte eine zweite Version Aioli mit, die einfacher herzustellen ist und weniger scharf mit Knofi gewürzt war. Man kann natürlich auch ein ganzes Ei oder Eigelb in einem engen (!) hohen Gefäß mit einem Schneidstab mit dem Knofi mixen und Öl dazugeben, dann mit Zitronensaft und Salz abschmecken, das geht schneller.

Tortillia

Für mich ein Muss bei spanischen Tapas, obwohl es doch nur ein simples Omelette ist. Ich schummele das übrig gebliebene Eiweiß vom Aioli da mit rein, denn ich kann so schlecht Lebensmittel wegwerfen.

Für 8 Portionen:

600g Kartoffeln
8 Eier
1-2 rote Paprika
Salz, Pfeffer
Öl zum Braten

Die Kartoffeln schälen und nicht zu grob würfeln, dann in einer beschichteten Pfanne so lange bei niedriger Temperatur braten, bis sie gar sind. Währenddessen die Paprika halbieren, die Kerne und den Strunk entfernen, die Haut außen mit etwas Öl bepinseln und die Hälften mit der Schale nach oben im Backofen unter den Grill legen, bis die Haut zum Teil schwarz wird. Den Ofen ausschalten und die Schoten drin noch etwas warm halten, dann die Haut abziehen. Die Eier mit Salz und Pfeffer würzen (manche tun auch noch Chili oder Paprika dazu, ich mag es lieber simpel) und verqirlen, die Paprikaschoten in Streifen reißen und auf den heißen Kartoffeln verteilen, Eimasse darüber gießen und einen Deckel auf die Pfanne setzen. Bei geringer Hitze stockt die Tortilla in etwa 20 Minuten. Dann einen flachen Teller auf die Pfanne legen, gut festhalten und beides umdrehen.

Zweierlei überbackene Artischocken

Eigentlich wollte ich die kleinen Artischocken verwenden und mit einem Pangratto überbacken, aber auf dem Markt gab es gerade nur die großen. Gisela bekam aber 6 kleine Artischocken und bringt die mit, also haben wir jetzt zweierlei.

Wir brauchen für die kleinen Artischocken:
altes trockenes Weißbrot oder Brötchen oder Semmelbrösel
etwas Zitronenschale, ein paar Rosmarinnadeln, eine Zehe Knofi, etwas Salz und Pfeffer
Olivenöl
Rosé oder Weißwein

für die großen Artischocken
pro Artischocke eine Scheibe sehr guten gekochten Schinken
gut schmelzenden Käse wie Fontina oder Raclette
etwas flüssige Butter
und für beide Varianten eine Schüssel mit einer Mischung aus Wasser und Zitronensaft.

Von den kleinen Artischocken schneidet man am Stil unten nur das vertrocknete Stück ab und schält den Stil dann wie Spargel. Die äußeren harten Blätter werden abgezupft, und das obere Drittel wird abgeschnitten. Jetzt sollten nur die zarten hellgrünen bis weißlich-violetten Blätter zu sehen sein. Wenn nicht, mit dem Messer nacharbeiten. Die Artischocken halbieren und sofort in das Zitronenwasser legen, sonst werden sie braun.

Das Weißbrot in der Küchenmaschine zu Bröseln hacken oder reiben oder Semmelbrösel nehmen. Mit dem Öl und den sehr fein gehackten Gewürzen mischen, bis es ein wenig klumpt, aber noch bröselig ist. Die Artischockenhälften mit den Schnittflächen nach Oben in eine Auflaufform geben, Brösel obenauf, Wein angießen und für 30 Minuten in den auf 180°C vorgeheizten Ofen geben, prüfen ob sie gar sind. Ggf. noch länger im Ofen lassen und bei Bedarf zwischendurch Wein nachgießen. Update im Rezept dass ich hatte stand Rotwein, aber das sieht schon optisch nicht gut aus und ich kann mir nicht vorstellen dass das zu Artischocke passt. Weiß oder Rosé ist wunderbar.

Von den großen Artischocken den Stil ganz abschneiden. Die Artischocken etwa halbieren (quer und nicht längs), und das Heu aus der Mitte auskratzen. Die restlichen halben Blätter abreißen bzw. abbrechen, bis nur noch der Boden übrig ist. Den Boden sofort ins Zitronenwasser legen, bis er weiterbearbeitet wird. Die Böden ringsum mit flüssiger Butter bepinseln, dann zuerst mit Schinken, dann mit Käse füllen und im Ofen 30-45 Minuten backen (ebenfalls bei 180°). Update: Ich bin bei dem Versuch gescheitert, die großen Artischocken roh zu putzen. Das Heu bekam ich gar nicht raus. Also habe ich die Artischocken vorher gekocht, dann ging es.

Gefüllte Kalamare

Die kleinen Kalamare frisch zu kriegen ist nicht einfach. Ich hatte nicht daran gedacht, sie bei meinem Fischhändler des Vertrauens vorzubestellen, aber Gisela hatte Glück und entdeckte sie im Supermarkt. Ach Giselchen, was würden wir ohne Dich machen!

Für 8 Tapas-Portionen
16 kleine Kalamare, ganz
100g Schafskäse (bitte kein Feta aus Kuhmilch, nur gutes Zeug)
100g Ziegenfrischkäse
1 Schalotte oder Zwiebel
1 Zehe Knoblauch
8 entsteinte schwarze Oliven
2 getrocknete Tomaten
Olivenöl zum Braten

Die Kalamare putzen, das Schwert und die Innereien entfernen, die Körper und die Fangarme waschen. Die Fangarme sehr fein hacken und mit der ebenfalls fein gehackten Zwiebel und dem Knoblauch anbraten. Die Oliven und Tomaten ebenfalls sehr fein hacken, mit der Zwiebelmischung dem fein zerkleinerten Schafskäse und dem Ziegenfrischkäse und dem Eigelb mischen. Wenn die Masse jetzt zu weich ist, mit etwas Semmelbrösel binden. Ist sie zu fest, etwas Olivenöl oder Weißwein nehmen. Nicht salzen, der Feta ist salzig genug. Die Körper mit der Masse füllen und mit Zahnstochern zustechen. In der Pfanne oder im Ofen braten, bis die Körper gar sind und das Innere warm ist.

Update: das Füllen der kleinen Kalamare ist unglaublich fummelig. Aber das Ergebnis ist höchst lecker! Nicht zu viel Füllung in jeden Kalamar tun, ein, zwei Teelöffel reicht.

Datteln und Pflaumen mit Speck

Ein Klassiker und einfach zuzubereiten, aber der Fummelkram kostet auch Zeit. Die wenigsten Schlachter sind bereit, einem guten Tiroler Speck in dünnen Scheiben aufzuschneiden, weil die Schwarte ihre Schneidemaschine stumpf macht. Und wenn sie die Schwarte vorher abschneiden, können sie die nicht berechnen (kann man ihnen aber anbieten). Wenn das so ist, muss man zu dem abgepackten Bacon greifen.

Die Scheiben wickelt man um die getrockneten Pflaumen bzw. Datteln, steckt das Werk mit einem Zahnstocher fest und bäckt das Ganze im Backofen, bis der Speck appetitlich braun ist und duftet. Update: Giselchen macht noch eine Sauce dazu, aus Mirin und Sojasauce. Das macht die Sache erst perfekt.

Katerina kam mit Garnelen, die in Knoblauch und Chili mariniert waren, um die Ecke, außerdem mit geschmorten Rippchen, sowie Leber in Sherrysauce.

Okay Leute, versteht ihr jetzt, warum ich mit den üblichen spanischen Tapas im Restaurant einfach nicht zufrieden bin?

Fisch in Ausbildung

Frau Dr. und ich lernen Fisch. Die Kunst dabei ist das Atmen unter Wasser. Jahrmillionen lang hat man gedacht, das geht gar nicht, aber dann erfand man SCUBA, ausgeschrieben self-contained underwater breathing apparatus, übersetzt Unterwasser-Atemgerät. Jetzt geht es prinzipiell, aber lernen muss man es doch noch.

Es beginnt mit einem quietschbunten Buch das einem Dinge wie das Boyles-sche Gesetz nahebringt. Nach jedem Kapitel folgen Fragen in Form eines Lückentexts, man zählt zum Beispiel die zahlreichen Ausrüstungsteile auf, die ein gelernter Fisch braucht oder nummeriert die Reihenfolge durch, in der diese dann montiert werden müssen. Was das Buch verschweigt ist, wie viel diese Ausrüstungsteile wiegen. Und wie viel sie kosten.

Zu diesem Buch gibt es noch eine CD, die einem in blassen und langweiligen Clips denselben Stoff noch einmal nahe bringt. Alles ist so optimiert, dass auch ein Zeitgenosse mit einem IQ unter 50 Fisch lernen und Fisch werden kann. Vorausgesetzt, er kann die Flasche mit der Atemluft tragen und bringt das nötige Kleingeld für Tauchcomputer, Anzug, Atemregler, Flossen, Jacket und diversen anderen Schnick wie Lampen und Unterwasser-Kamera zusammen.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb es Frau Dr. nicht genug war, einfach nur ganz normal Fisch zu lernen. Sie wollte auch Nitrox-Fisch sein. Als Nitrox-Fisch atmet man unter Wasser ein anderes Gemisch als die gewöhnlichen Luft-Fische, eines mit mehr Sauerstoff drin. Dafür muss man einen extra Fisch-Schein machen, und als Streber macht man den vor dem eigentlichen Fisch-Examen. Also fanden wir uns eines Freitags abends bei Dirk ein, um das aus einem kleineren bunten Fischlern-Buch gelernte dort zum Besten zu geben, und theoretisch alles über das Tauchen mit enriched air nitrox zu wissen, nur eben nicht, wie man taucht. Denn das war dem Samstag und dem Sonntag vorbehalten.

Der OWD-Kurs (OWD heißt nicht Oh Watt is Datt, sondern open water diver) brachte uns die harte Realität des Fisch-Seins näher, zunächst die im Schwimmbad. Erkenntnis Nr. 1: Das Wasser in so einem Schwimmbecken ist mal so wat von trüb, dat sieht nich jut aus durch sonne Taucherbrille. Erkenntnis Nr. 2: Ein Atemregler hat viele Schläuche. Erkenntnis Nr. 3: Anne Luft sind die Klamotten schwerer als wie im Wasser. Sauschwer, um genau zu sein. Tauchsport ist ein anderer Name für Gewichtheben.

Und ein Sport mit feiner Ironie. Zum Beispiel zeigt man sich gegenseitig ständig Handzeichen, die man sich an Land, insbesondere im Wedding und in Neukölln, niemals zeigen würde (es sei denn, man ist seeeehr schnell). Mit der dem nicht-Fisch als „Arschloch“ bekannten Geste soll der angehende Fisch seinen Artgenossen signalisieren „OK“. Und bekommt als Antwort die gleiche freundliche Geste, den zwischen Daumen und Zeigefinger geformten Ring. Es ist ein toleranter Sport: ich (Arschloch) ok, du (Arschloch) ok.

Die anderen Details der Fischausbildung (Druckausgleich, Maske ausblasen, etc.) sind nicht interessant genug für einen Platz in diesem Bericht. Und für einen sauberen Tiefenrausch fehlten bei 2,80 m Beckentiefe die Voraussetzungen.

In einem Monat wird die Grundausbildung Fisch mit den Tauchgängen in einem Brandenburger See abgeschlossen. Dann sind wir sozusagen Freifisch. Ich werde berichten.