Ich hab’ lieber Oberwasser als Oberhand oder gar oberhaupt nichts von alledem. Der Grund ist Ursula. Ursula, das schwarze Schaf unter den Wirtinnen und Wirten Berlins, hauptsächlich wegen ihrer Intelligenz und ihrer Kunst, normale Gäste (weiße Schafe) einzuschüchtern, ohne so richtig zu wissen wie ihr das gelingt.
Für andere schwarze Schafe ist sie wie das reizendste Mutterschaf. Ursula erkennt ihresgleichen ziemlich schnell, und befördert die Auserwählten dann zur Elite ihrer Gäste, die begrüßt wird mit Küsschen links und Küsschen rechts. Wer derart privilegiert ist, braucht ihre scharfe Zunge nicht zu fürchten, sondern kann sie in der Form ihres ausgiebigen Lästerns genießen.
Mittlerweile schart Ursula eine ziemlich umfangreiche Herde schwarzer Schafe auf ihrer Weide Oberwasser um sich, wo sie würziges Staropramen vom Fass grasen, und sich an den handgemachten Köstlichkeiten aus ihrer Küche laben. Selbstgesammelte Pilze. Frische Spätzle. Köstliche Bratkartoffeln. Herrliche Suppen. Geduld ist mitzubringen, denn Ursula macht alles selbst, und immer schön nacheinander. Wer nach seinem Essen blökt, entlarvt sich als weißes Schaf. Also heißt es Haltung bewahren!
Zur Herde gehören auch viele Musiker, weswegen es oft Hausmusik gibt im Oberwasser. Mal ist es Jazz, mal Klezmer, mal Swing, mal Blues, mal Tango, und immer unplugged. Merkwürdiges wie verjazzte Weihnachtslieder mit zwei Saxofonen, in der Qualität stark schwankendes wie der Klezmer-Stammtisch an jedem 15., geniales wie Tango mit zwei Akkordeons oder einfach Gassenhauer mit Geige und Klavier. Es lohnt sich immer, hinzugehen wenn Ursula anruft und sagt: „Wollt ihr nicht kommen, ich mach wieder ein Konzert.“
Externes Wohnzimmer gesucht? Ich empfehle Zionskirchstraße Nr. 6, vielleicht ist sogar noch ein Platz auf dem Sofa frei…
Ich bin ein Schwarzes Schaf auf der Oberwasserweide und dies bereits seit dem Tage der Eröffnung vor über zehn Jahren. Und ich genieße es immer aufs Neue, Teilhaber zu sein an gutem Essen, den Sondereinladungen zu Hausmusikabenden und dem französischen Geküsse beim Schwarze-Schafe-Begrüßungs-zeremoniell, dem weisse Schafe nur par distance, leicht irritiert, eventuell verschüchtert auch und neidvoll staunend teilhaftig werden können. Doch dieses Privileg habe ich mir hart verdienen und erhalten müssen denn, verdammtnochmal, es ist nicht leicht mit Ursula. Aber, wenn man einen guten Tag erwischt, wenn sie nicht zuviel kochen muss, einen Tag mit ein bißchen Zeit also, dann kann man gute Gespräche haben.
Ergo: Weiße Schafe werdet schwarz!
Gerd S.
[...] die ich hier vorstellen möchte beginnt mit einem Freitag abend in unserem externen Wohnzimmer, dem Café Oberwasser. Das Oberwasser ist schon allein wegen Ursulas großartiger Bratkartoffeln, Suppen und Spätzle [...]