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Parallelwelten

Heute blogge ich mal über Musik. Habe ich noch nie getan. Aber da ich hier ja generell über Dinge blogge, von denen ich keine Ahnung habe, ist Musik genauso passend wie jedes andere Thema. Und ich muss etwas loswerden.

Gestern waren Frau Dr. und ich bei dem Open-Air-Konzert im Rahmen der IFA, das „Neue DeutschPoeten“ verhieß. Was uns dorthin zog war „Wir sind Helden“, von sämtlichen anderen Künstlern hatten wir noch nie gehört. Wir kamen eine Weile, nachdem das Konzert angefangen hatte, hörten von ferne einen der Acts, vielleicht war es „Kraftclub“, und beschlossen einen Rundgang über die IFA zu machen, bis die Musik hoffentlich besser wird.

Wir strichen dann durch die Hallen mit den Haushaltsgeräten. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den neuesten Küchenmaschinen, die Nudelteig verarbeiten und kochen können. Wir himmelten reihenweise Wein-Kühlschränke an. Wir belächelten die Staubsauger-Roboter. Einen Roboter kaufe ich erst, wenn der Treppen laufen kann und mir den Kasten Bier vier Treppen hochträgt. Wir freuten uns an Waagen im Schaf-Design mit dem Spruch „Ich hab schwere Wolle“. Und wir überlegten, welchen Kaffee-Vollautomaten wir kaufen würden, wenn wir nicht schon einen hätten.

Dann schloss die Ausstellung, und wir gingen zurück zum Konzertgelände. Dort coverte Marteria gerade ein Lied von Peter Fox. Das Lied ist gut, und die verdarben es wenigstens nicht. Dann betrat ein Typ die Bühne, mit einem scheußlichen gestreiften T-Shirt und einem Fusselbärtchen an seinem Eierkopf. Da gab es hübsche junge Mädels die ihn anhimmelten. Eine gute Nachricht für alle Männer: Ihr könnt noch so scheiße aussehen (und singen) irgend jemand findet es gut. Der Typ heißt Philipp Poisel, ein Name den ich mir merken werde, um demnächst die Flucht zu ergreifen. Hat so ne Knödelstimme wie Grönemeyer. Die Texte sind nicht schlimm genug, um richtig peinlich zu sein, und nicht gut genug, um auch nur einen Hauch von Interesse zu wecken. Die Musik ist… vergessen. War da Musik?

Endlich kamen die Helden dran, und sie rechtfertigten das Warten. Ich frage mich nur, warum der Mann von Judith Holofernes unbedingt so aussehen will wie der junge Osama Bin Laden. Drei mögliche Gründe gibt es: Er findet Haare schneiden und rasieren scheiße. Er hat keinen Spiegel und niemand sagt ihm wie er aussieht. Er will die einzige Frisur haben, mit der man heute noch anecken kann. Alles nach meiner unmaßgeblichen Meinung nicht wirklich überzeugend. Aber er spielt geil Schlagzeug und singt schön die Backings für seine Frau. Und irgendeinen Trick muss er sonst noch können, sonst hätte er gar keine so tolle Frau abgekriegt.

Leider geht so eine Stunde dann doch schnell vorbei. Und nach den Helden kam dann der angekündigte Höhepunkt und Haupt-Act. Clueso und Band. Hatte ich auch noch nie gehört. Überraschung Nr. 1:  Die Moderatorin sprach den Typ „Klüso“ aus. Okay, ich habe nicht wirklich einen besseren Vorschlag für die Aussprache von „Clueso“. Aber wir kommt man bloß dazu, wenn man so einen Witzlaut wie „Klüso“ als Künstlernamen wählt, der ja  immerhin noch ironisch oder witzig gemeint sein könnte, so eine angestrengt bildungsbürgerliche Schreibweise dafür festzulegen? Was soll das?

Ich stellte dann fest, dass ich keines der Lieder je gehört hatte. Da spielt so ein Top-Act aus Erfurt. 13.000 Leute wollen den sehen. Weil sie den kennen. Der Typ stammt ganz klar aus einer Parallelwelt. Gar keine so kleine Parallelwelt. Wo hatte die sich die ganze Zeit versteckt? Und was zum Teufel  finden die vielen Leute daran so attraktiv?

Als DeutschPoet hat Klüso Ansätze. Manche Texte sind okay bis nicht so schlecht. Auch die Musik hat Ansätze, vor allem das Keyboard. Aber nach ein paar Takten, man denkt grad hey, das könnte was werden, wird das Stück wieder verdaddelt und verlangweilt. Ein wenig ist es wie weißer Jazz. Feeling fehlt. Und alles ist zu pickepackevoll. Ein richtiger Stil ist nicht auszumachen.

Eine hörbare Deutsche Welle gab es schon in den 80ern so pauschal nicht. Neben Glanzlichtern wie Falco und Rio Reiser gab es den Driss wie Nena. Und jetzt, 30 Jahre später ist es genauso. Gute Musik mit deutschen Texten ist die Ausnahme, und nicht die Regel.

Fishing in Action

Wie hier schon erwähnt, bin ich ja Freifisch, auf ausländisch Open Water Diver, und wenn man das ist, darf man unter Wasser schwimmen. Wie son’n Fisch halt. Am Pfingstwochenende habe ich von diesem Privileg erstmals ohne alle Tauchlehrer Gebrauch gemacht. Hatte aber Detlef und Harry dabei, und Detlef hatte seine Unterwasserkamera mit. Deswegen – taa taa – gibt es hier nicht nur Beweisfotos vom Hecht, den wir gesehen haben…

Der Hecht im Straussee

Der Hecht im Straussee

Sondern auch Bilder von mir. Ja, gibt es. Gibt es auch gleich zu sehen. Wer genau hinguckt, kann eine rote Nase in der Taucherbrille erkennen. Ich hatte mir die Haare frisch gefärbt, und das in die Maske eingedrungene Wasser war rot. Das nimmt den Bildern etwas den feierlichen Ernst.

Clowntaucher

Clowntaucher

Ich weiß nicht ob ich mit dem Bild bei den waschechten Jacques-Yves Cousteaus und so einreihe, möglicherweise ist es schädlich für’s Image, aber andererseits ist es ein Bild von mir unter Wasser…

Ach was, urteilt selbst.

Der Fisch schwimmt

Der Fisch schwimmt

Freifisch, Level 1

Herzlichen Glückwunsch an mich selbst, ich habe den Open Water Diver, Level 1, erworben und darf mich jetzt Fisch nennen. Das heißt, wenn ich ungut rieche, dann immer vom Kopf her. Aber das kommt eh’ nicht vor bei mir.

Letztes Wochenende am Carwitzer See, in Thomsdorf, fanden die Exerzitien zum Freifisch statt. Es begann mit dem Beladen von Wägelchen, denen folgendes aufgepackt wurde: Große Flaschen aus Stahl mit gepresster Luft darin. Schläuche mit Atemreglern und Messgeräten. Ein schwarzes Neoprenmonster, das einen eigentlich bloß wärmen soll, aber aus purer Bosheit dabei noch den Hals würgt, kleinere schwarze Neoprenmonster für Hände Kopf, und Füße sowie eine Art Neopren-Unterwäsche. Je 8 Kilo Blei für Frau Dr. und mich. Riesige Westen, an denen die Luftflaschen befestigt werden. Flossen. Masken.

In mehreren Fuhren wurde dieser halbe Umzugswagen von Kram von der Tauchbasis zu einer Wiese am See geschafft. Dort angekommen begannen wir einen ungleichen Ringkampf mit den Neoprenmonstern. Normalerweise ist es ja so, dass einen das Monster fressen will, und man selbst will das Gegenteil. Hier war es nun umgekehrt. Wie den armen Gänsen bei der Herstellung der berühmten der Foie Gras stopften wir uns den Monstern ins Maul, gegen deren erbitterten Widerstand, millimeterweise trieben wir Arme und Beine in die schwarzen Rachen, und wurden gewürgt zum Dank. Die Sonne lachte und briet uns freundlich. Dann schwangen wir uns die Westen auf den Rücken, mit dem Gewicht der Flasche und den 8 Kilo Blei dran.

Wir wankten von Brandenburg nach Mecklenburg-Vorpommern (also von der Wiese zum Steg). Dort holte der Tauchlehrer zu länglichen Erläuterungen aus, während mich der Druck des Gewichts auf den Schultern Millimeter um Millimeter schrumpfte. Kurz bevor ich zur Tablette gepresst war durfte ich den Steg hinauf wanken und mich setzen. Klonk, machte die Flasche und stand auf dem Steg. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit gefühlten Stunden gut. Füße im Wasser, aaaahhh. Flossen anfummeln, Maske aufsetzen, Jacke aufpumpen, ab in den See!

Der Tauchlehrer mahnte uns, die Luft vorsichtig aus unserem Fortgeschrittenen-Schwimmflügel (Fische sagen Jacket dazu) herauszulassen, und langsam abzutauchen ohne in das Sediment am Grund… Wir fielen wie die Steine in den schlammigen Grund und befanden uns in finsterer Nacht aus aufgewirbeltem Sediment. Willkommen, liebe Tauchanfänger, rief ein unsichtbarer Fisch und suchte das Weite.

Frau Dr. und ich verbrachten einige Zeit damit, wieder Luft in das Jacket einzulassen und zu hoch nach oben zu schießen, um danach erneut im Sediment zu landen und so weiter. Wir machten dabei Fortschritte von saumäßig bis mäßig. Aber wir sind ja erst Level 1 Fisch. Man muss sich ja steigern können. Ich weiß jetzt wie Schilf von unten aussieht und finde es erstaunlich lang, so ein Schilfrohr. Das geht unter Wasser noch 3 Meter weiter. Außerdem weiß ich, das da wo es im Sediment gehuscht hat, ein Krebs gewesen ist. Jemand von uns hat auch einen Fisch gesehen.

Alles das ist dann aber auch ohne Bedeutung, denn was wir im Carwitzer See wollten ist die Lizenz zum selber tauchen, ohne Tauchlehrer. Und die haben wir jetzt.

Als wir uns nach unseren Tauchgängen aus den Neopren-Monstern herausschälen wollten, hatten die übrigens ihre Meinung über uns radikal geändert. Sie bissen sich an uns fest und wollten uns nicht mehr herausgeben. Wieder ein Ringkampf. Vielleicht ist Tauchen doch eher wie Ringen und nicht wie Gewichtheben. Oder, wie es einer von den Tauchlehrern sagte: Tauchen ist so lange Sport, bis man im Wasser ist. Und danach auch wieder.

Was dem Wintersportler sein Après-Ski, ist dem Taucher übrigens sein Deko-Bier. Deko steht hier für Dekompression, der beim Tauchen im Körper angereicherte Stickstoff mus raus, und ein Bierchen spült, zwei spülen mehr, und so weiter. Während das Bier seine Arbeit tat, drehte sich ein Wildschwein auf dem Spieß im Hotel neben der Tauchbasis, es gab ungeheuer leckeren selbst gemachter Kartoffelsalat und vieles mehr zu sagenhaft günstigen Preisen. Frau Dr. und ich wurden Raubfische und fielen über das Essen her.

Tapas-Wahnsinn (update)

Ich hab ihn schon im Ohr, den spitzen Schrei, ausgerufen mit dieser typischen Mischung aus Bewunderung und Mitleid, gewürzt mit dem allzu vertrauten Zweifel am Status meiner geistigen Gesundheit: „Boah, hast Du dir eine Aaaaarbeit gemacht!“

Wir haben Tapas geplant. Vielleicht ist schon das ein Fehler. Dennoch ist es nötig. Denn ich habe in Berlin noch nirgends gute spanische Tapas gegessen. Und ich habe mindestens 7 Versuche gemacht. Alles unspektakulär bis inakzeptabel. Wer einen Tipp hat, bitte gerne! Aber Vorsicht: Dosenartischocken warm machen, Wurst aufschneiden und in den Ofen schieben, Majonäse aus dem Glas mit etwas Knofi mischen, Oliven in Schalen füllen – das kann jeder. Damit kann man mir nicht kommen.

Knuspriges Topfbrot mit Aioli

Das klingt einfach, aber wer sich diesem Thema mit Liebe, Geduld und dem folgenden Rezept widmet, wird nicht weniger als eine  Offenbarung erleben. Versprochen! Man beginnt am Vortag der Sause mit dem Brot.

nötige Ressourcen:
24 Stunden Zeit
425g feines Dinkelmehl (Type 650) oder normales Weißmehl
1/4 TL Trockenhefe
1 1/2 TL Salz
100 ml zimmerwarmes Bier
1 EL Weißweinessig
Backpapier
1 schwerer gusseiserner Topf oder Bräter mit hitzefestem Deckel (ggf. den Plastikknopf, der i.d.R. nur bis 220°C hitzebeständig ist, einfach abschrauben für den Zweck)
Mehl und Öl zum Bearbeiten
Frischhaltefolie

2 Scheiben stinknormales Kastenweißbrot ohne Rinde
1/8 l Milch
6 Knoblauchzehen, geschält (seid nicht feige, Leute!)
1 TL Salz, am Besten grobes
1/4  l bestes Olivenöl
1 Eigelb (ganz frisch)
Zitronensaft

Mehl, Hefe (keinesfalls mehr Hefe nehmen!)  und Salz in einer Schüssel mischen, 200 ml lauwarmes Wasser, Bier und Essig zufügen und mit dem Rührgerät (Knethaken) schnell vermengen, nicht mehr kneten als nötig. Der Teig ist relativ weich für einen Brotteig. Schüssel abdecken und 18 Stunden bei Zimmertemperatur gehen lassen.

Den weichen Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche auseinanderziehen und zusammenfalten, das etwa 10 bis 15 mal wiederholen. Einen Bogen Backpapier in eine Runde Form legen, z.B. eine stinknormale Springform von 24 cm Durchmesser, den Teig hinein (das Papier muss überstehen, am Papier packt man später den Teig). Den Teig mit etwas mit Öl bepinselter Klarsichtfolie (Ölseite nach unten natürlich) abdecken und noch mal 2 Stunden gehen lassen.

Den gusseisernen Topf in den Ofen stellen. Den Deckel ohne Knopf schräg aufsetzen, so dass man ihn später mit dem Topflappen fassen kann. Alles zusammen auf 250°C aufheizen. Den Teig mit einem scharfen Messer kreuzweise einschneiden und mit etwas Mehl bestäuben. Am besten zu zweit die kritische Operation durchführen: Ofen auf, Topf auf, Teig rein, Deckel zu, Ofen zu. Das Brot im geschlossenen Topf  30 Minuten backen, dann den Deckel abnehmen und den Ofen auf 220° runterschalten, noch mal 15-18 Minuten backen.

Für das Aioli das Weißbrot würfeln und in der warmen Milch einweichen. Währenddessen die Knoblauchzechen mit dem Salz im Mörser zerreiben (nur wer keinen Mörser hat, darf die Knoblauchpresse nehmen). Das Brot ausdrücken und in die Masse einarbeiten, beides in einer Schüssel mit dem Eigelb mischen, bis eine glatte Masse entstanden ist. Dann das Öl erst tropfenweise, dann in einem dünnen Strahl dazugießen und währenddessen pausenlos rühren, ab besten geht das mit einem Silikon-überzogenen Schneebesen. Mit Zitronensaft abschmecken.

Update: Vera brachte eine zweite Version Aioli mit, die einfacher herzustellen ist und weniger scharf mit Knofi gewürzt war. Man kann natürlich auch ein ganzes Ei oder Eigelb in einem engen (!) hohen Gefäß mit einem Schneidstab mit dem Knofi mixen und Öl dazugeben, dann mit Zitronensaft und Salz abschmecken, das geht schneller.

Tortillia

Für mich ein Muss bei spanischen Tapas, obwohl es doch nur ein simples Omelette ist. Ich schummele das übrig gebliebene Eiweiß vom Aioli da mit rein, denn ich kann so schlecht Lebensmittel wegwerfen.

Für 8 Portionen:

600g Kartoffeln
8 Eier
1-2 rote Paprika
Salz, Pfeffer
Öl zum Braten

Die Kartoffeln schälen und nicht zu grob würfeln, dann in einer beschichteten Pfanne so lange bei niedriger Temperatur braten, bis sie gar sind. Währenddessen die Paprika halbieren, die Kerne und den Strunk entfernen, die Haut außen mit etwas Öl bepinseln und die Hälften mit der Schale nach oben im Backofen unter den Grill legen, bis die Haut zum Teil schwarz wird. Den Ofen ausschalten und die Schoten drin noch etwas warm halten, dann die Haut abziehen. Die Eier mit Salz und Pfeffer würzen (manche tun auch noch Chili oder Paprika dazu, ich mag es lieber simpel) und verqirlen, die Paprikaschoten in Streifen reißen und auf den heißen Kartoffeln verteilen, Eimasse darüber gießen und einen Deckel auf die Pfanne setzen. Bei geringer Hitze stockt die Tortilla in etwa 20 Minuten. Dann einen flachen Teller auf die Pfanne legen, gut festhalten und beides umdrehen.

Zweierlei überbackene Artischocken

Eigentlich wollte ich die kleinen Artischocken verwenden und mit einem Pangratto überbacken, aber auf dem Markt gab es gerade nur die großen. Gisela bekam aber 6 kleine Artischocken und bringt die mit, also haben wir jetzt zweierlei.

Wir brauchen für die kleinen Artischocken:
altes trockenes Weißbrot oder Brötchen oder Semmelbrösel
etwas Zitronenschale, ein paar Rosmarinnadeln, eine Zehe Knofi, etwas Salz und Pfeffer
Olivenöl
Rosé oder Weißwein

für die großen Artischocken
pro Artischocke eine Scheibe sehr guten gekochten Schinken
gut schmelzenden Käse wie Fontina oder Raclette
etwas flüssige Butter
und für beide Varianten eine Schüssel mit einer Mischung aus Wasser und Zitronensaft.

Von den kleinen Artischocken schneidet man am Stil unten nur das vertrocknete Stück ab und schält den Stil dann wie Spargel. Die äußeren harten Blätter werden abgezupft, und das obere Drittel wird abgeschnitten. Jetzt sollten nur die zarten hellgrünen bis weißlich-violetten Blätter zu sehen sein. Wenn nicht, mit dem Messer nacharbeiten. Die Artischocken halbieren und sofort in das Zitronenwasser legen, sonst werden sie braun.

Das Weißbrot in der Küchenmaschine zu Bröseln hacken oder reiben oder Semmelbrösel nehmen. Mit dem Öl und den sehr fein gehackten Gewürzen mischen, bis es ein wenig klumpt, aber noch bröselig ist. Die Artischockenhälften mit den Schnittflächen nach Oben in eine Auflaufform geben, Brösel obenauf, Wein angießen und für 30 Minuten in den auf 180°C vorgeheizten Ofen geben, prüfen ob sie gar sind. Ggf. noch länger im Ofen lassen und bei Bedarf zwischendurch Wein nachgießen. Update im Rezept dass ich hatte stand Rotwein, aber das sieht schon optisch nicht gut aus und ich kann mir nicht vorstellen dass das zu Artischocke passt. Weiß oder Rosé ist wunderbar.

Von den großen Artischocken den Stil ganz abschneiden. Die Artischocken etwa halbieren (quer und nicht längs), und das Heu aus der Mitte auskratzen. Die restlichen halben Blätter abreißen bzw. abbrechen, bis nur noch der Boden übrig ist. Den Boden sofort ins Zitronenwasser legen, bis er weiterbearbeitet wird. Die Böden ringsum mit flüssiger Butter bepinseln, dann zuerst mit Schinken, dann mit Käse füllen und im Ofen 30-45 Minuten backen (ebenfalls bei 180°). Update: Ich bin bei dem Versuch gescheitert, die großen Artischocken roh zu putzen. Das Heu bekam ich gar nicht raus. Also habe ich die Artischocken vorher gekocht, dann ging es.

Gefüllte Kalamare

Die kleinen Kalamare frisch zu kriegen ist nicht einfach. Ich hatte nicht daran gedacht, sie bei meinem Fischhändler des Vertrauens vorzubestellen, aber Gisela hatte Glück und entdeckte sie im Supermarkt. Ach Giselchen, was würden wir ohne Dich machen!

Für 8 Tapas-Portionen
16 kleine Kalamare, ganz
100g Schafskäse (bitte kein Feta aus Kuhmilch, nur gutes Zeug)
100g Ziegenfrischkäse
1 Schalotte oder Zwiebel
1 Zehe Knoblauch
8 entsteinte schwarze Oliven
2 getrocknete Tomaten
Olivenöl zum Braten

Die Kalamare putzen, das Schwert und die Innereien entfernen, die Körper und die Fangarme waschen. Die Fangarme sehr fein hacken und mit der ebenfalls fein gehackten Zwiebel und dem Knoblauch anbraten. Die Oliven und Tomaten ebenfalls sehr fein hacken, mit der Zwiebelmischung dem fein zerkleinerten Schafskäse und dem Ziegenfrischkäse und dem Eigelb mischen. Wenn die Masse jetzt zu weich ist, mit etwas Semmelbrösel binden. Ist sie zu fest, etwas Olivenöl oder Weißwein nehmen. Nicht salzen, der Feta ist salzig genug. Die Körper mit der Masse füllen und mit Zahnstochern zustechen. In der Pfanne oder im Ofen braten, bis die Körper gar sind und das Innere warm ist.

Update: das Füllen der kleinen Kalamare ist unglaublich fummelig. Aber das Ergebnis ist höchst lecker! Nicht zu viel Füllung in jeden Kalamar tun, ein, zwei Teelöffel reicht.

Datteln und Pflaumen mit Speck

Ein Klassiker und einfach zuzubereiten, aber der Fummelkram kostet auch Zeit. Die wenigsten Schlachter sind bereit, einem guten Tiroler Speck in dünnen Scheiben aufzuschneiden, weil die Schwarte ihre Schneidemaschine stumpf macht. Und wenn sie die Schwarte vorher abschneiden, können sie die nicht berechnen (kann man ihnen aber anbieten). Wenn das so ist, muss man zu dem abgepackten Bacon greifen.

Die Scheiben wickelt man um die getrockneten Pflaumen bzw. Datteln, steckt das Werk mit einem Zahnstocher fest und bäckt das Ganze im Backofen, bis der Speck appetitlich braun ist und duftet. Update: Giselchen macht noch eine Sauce dazu, aus Mirin und Sojasauce. Das macht die Sache erst perfekt.

Katerina kam mit Garnelen, die in Knoblauch und Chili mariniert waren, um die Ecke, außerdem mit geschmorten Rippchen, sowie Leber in Sherrysauce.

Okay Leute, versteht ihr jetzt, warum ich mit den üblichen spanischen Tapas im Restaurant einfach nicht zufrieden bin?

Fisch in Ausbildung

Frau Dr. und ich lernen Fisch. Die Kunst dabei ist das Atmen unter Wasser. Jahrmillionen lang hat man gedacht, das geht gar nicht, aber dann erfand man SCUBA, ausgeschrieben self-contained underwater breathing apparatus, übersetzt Unterwasser-Atemgerät. Jetzt geht es prinzipiell, aber lernen muss man es doch noch.

Es beginnt mit einem quietschbunten Buch das einem Dinge wie das Boyles-sche Gesetz nahebringt. Nach jedem Kapitel folgen Fragen in Form eines Lückentexts, man zählt zum Beispiel die zahlreichen Ausrüstungsteile auf, die ein gelernter Fisch braucht oder nummeriert die Reihenfolge durch, in der diese dann montiert werden müssen. Was das Buch verschweigt ist, wie viel diese Ausrüstungsteile wiegen. Und wie viel sie kosten.

Zu diesem Buch gibt es noch eine CD, die einem in blassen und langweiligen Clips denselben Stoff noch einmal nahe bringt. Alles ist so optimiert, dass auch ein Zeitgenosse mit einem IQ unter 50 Fisch lernen und Fisch werden kann. Vorausgesetzt, er kann die Flasche mit der Atemluft tragen und bringt das nötige Kleingeld für Tauchcomputer, Anzug, Atemregler, Flossen, Jacket und diversen anderen Schnick wie Lampen und Unterwasser-Kamera zusammen.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb es Frau Dr. nicht genug war, einfach nur ganz normal Fisch zu lernen. Sie wollte auch Nitrox-Fisch sein. Als Nitrox-Fisch atmet man unter Wasser ein anderes Gemisch als die gewöhnlichen Luft-Fische, eines mit mehr Sauerstoff drin. Dafür muss man einen extra Fisch-Schein machen, und als Streber macht man den vor dem eigentlichen Fisch-Examen. Also fanden wir uns eines Freitags abends bei Dirk ein, um das aus einem kleineren bunten Fischlern-Buch gelernte dort zum Besten zu geben, und theoretisch alles über das Tauchen mit enriched air nitrox zu wissen, nur eben nicht, wie man taucht. Denn das war dem Samstag und dem Sonntag vorbehalten.

Der OWD-Kurs (OWD heißt nicht Oh Watt is Datt, sondern open water diver) brachte uns die harte Realität des Fisch-Seins näher, zunächst die im Schwimmbad. Erkenntnis Nr. 1: Das Wasser in so einem Schwimmbecken ist mal so wat von trüb, dat sieht nich jut aus durch sonne Taucherbrille. Erkenntnis Nr. 2: Ein Atemregler hat viele Schläuche. Erkenntnis Nr. 3: Anne Luft sind die Klamotten schwerer als wie im Wasser. Sauschwer, um genau zu sein. Tauchsport ist ein anderer Name für Gewichtheben.

Und ein Sport mit feiner Ironie. Zum Beispiel zeigt man sich gegenseitig ständig Handzeichen, die man sich an Land, insbesondere im Wedding und in Neukölln, niemals zeigen würde (es sei denn, man ist seeeehr schnell). Mit der dem nicht-Fisch als „Arschloch“ bekannten Geste soll der angehende Fisch seinen Artgenossen signalisieren „OK“. Und bekommt als Antwort die gleiche freundliche Geste, den zwischen Daumen und Zeigefinger geformten Ring. Es ist ein toleranter Sport: ich (Arschloch) ok, du (Arschloch) ok.

Die anderen Details der Fischausbildung (Druckausgleich, Maske ausblasen, etc.) sind nicht interessant genug für einen Platz in diesem Bericht. Und für einen sauberen Tiefenrausch fehlten bei 2,80 m Beckentiefe die Voraussetzungen.

In einem Monat wird die Grundausbildung Fisch mit den Tauchgängen in einem Brandenburger See abgeschlossen. Dann sind wir sozusagen Freifisch. Ich werde berichten.

Kommen wir zu einem ernsten Thema. Auch Stofftiere können unter Schizophrenie leiden. So genannte Freunde haben ein solches Exemplar bei uns eingewiesen, mit einem Arztbrief ausgestattet, um diesem unfreundlichen Akt eine medizinische Rechtfertigung zu geben. In dem Arztbrief war zu lesen, dass wir uns bemühen sollten, das Tier in seiner Ganzheit anzusprechen, und es nicht hektisch hin und her zu stülpen hätten. Ich hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl.

Wir leiden schon genug unter unseren Stofftieren, die sich recht dominant gebärden. Und jetzt auch noch ein klinisch massiv auffälliger Patient! Wir gaben dem indifferenten Wesen den Namen Dolly-Dieter Jeckyll-Hyde. Und sind seitdem hilflos.

Frau Dr. konnte Sympathie für das Tier nur in seiner Identität als Wolf, genannt Dieter, entwickeln. Die Teilpersönlichkeit Dieter wiederum entwickelte eine starke Bindung an Frau Dr. Dieter verteidigt seine Bezugsperson gegen vermeintliche Angriffe und legt ein aggressives Verhalten mir gegenüber an den Tag. Eine nicht geringe Belastung.

Dolly-Dieter Jeckyll-Hyde in der Gestalt als Dieter, der Wolf

Dolly-Dieter Jeckyll-Hyde in der Gestalt als Dieter, der Wolf

Ich glaube auch, dass es vom medizinischen Standpunkt her nicht angezeigt ist, dauerhaft einseitig eine Teilpersönlichkeit des Wahnsinnstiers anzusprechen. Die Teilpersönlichkeit Dolly, ein weißes Schaf, wird so zu stark unterdrückt mit der Folge, dass sich nach innen gerichtete Aggressionen aufstauen. Wenn der Druck zu stark wird, kann man beobachten, wie Dolly sich gegen Dieter zu behaupten versucht. Ein dramatischer Kampf der beiden Persönlichkeiten um die Vorherrschaft entbrennt.

Dolly im Kampf mit Dieter

Dolly im Kampf mit Dieter

Hier sehen wir, wie sich in quälendem Kampf, der Dolly-Dieter Jeckyll-Hyde gewiss gewaltige Schmerzen verursacht, langsam die Teilpersönlichkeit Dolly durchsetzt.

Dolly-Dieter Jeckyll-Hyde in der Gestalt als Dolly, das Schaf

Dolly-Dieter Jeckyll-Hyde in der Gestalt als Dolly, das Schaf

Bis Dolly schließlich triumphiert. Frau Dr. reagiert ausgesprochen negativ auf Dolly, vor allem morgens. Denn Frau Dr. ist ein Morgenmuffel, wie hier schon verschiedentlich erwähnt worden ist. Und Dolly ist morgens ziemlich penetrant zu ihr, wohl auch als Rache für die Parteilichkeit zugunsten von Dieter. „Ey Alte, das ist echt ein voll geiler Morgen, voll der Bringer, sieh das doch einfach mal nur positiv. Easy, Frau Dr., dem fröhlichen Menschen lächelt das Glück…“ und so weiter quasselt Dolly drauflos, während Frau Dr. die Decke über den Kopf zieht.

Aber Dollys Triumph ist natürlich nicht von Dauer. Schon sehr bald ist Dieter wieder zurück und richtet seine Aggressionen gegen mich. Warum, ist mir ein Rätsel. Aber so ist es.

Schaf im Wolf oder Wolf im Schaf?

Schaf im Wolf oder Wolf im Schaf?

Mit schlechtem Gewissen muss ich zugeben, dass wir den Patienten kein Stückchen näher an die Genesung bringen konnten. Ich befürchte sogar, in unserer Obhut hat sich sein Leiden verschlimmert. Wenn jemand da draußen Erfahrung mit der Behandlung von Schizophrenen Stofftieren hat und Tipps geben könnte, wären wir sehr dankbar. Nutzen Sie bitte die Kommentare. Vielen Dank!

…dass ich Zapfenstielzchen heiß. Dooorie ist nämlich nicht mein richtiger Name, neiiiin. Har har. Unter dem Deckmantel (wie die Gebrüder Grimm zu berichten wissen: einem Scharlachroten mit Kapuze) der Anonymität kann ich hier rumpeln und stielzen wie mir beliebt! Ich verzapfe Unsinn! Publiziere unvorteilhafte Bilder von Menschen, die ich „ich“ nenne. Ich spiele nicht nur mit Stofftieren, ich lanciere auch noch deren Abhandlungen über Schwarzschafismus! Ich verfasse Schröckliches wie … uuhh, ahh … Unfreundlichkeiten einem ehemaligen Innenminister gegenüber, wiewohl nur in einer Geste und einer Andeutung ausgedrückt, aber dennoch VIELSAGEND. Wenn nicht gar: ein Skandal. Wenn das jemand wüsste, dass Zapfenstielzchen dahinter steckt! Uiii ohh!

Zapfenstielzchen ist nämlich eine echte Person, müsst Ihr wissen. Eine von Fleisch und Blut, nicht bloß aus Internet. Eine mit einem Beruf. Ja, Beruf! Und … har, har … einem Chef. Und Zapfenstielzchen ist sogar selbst Chef. Oh-ho. Das geht aber gar nicht. So jemand muss doch ein Vorbild… Wenn dass jemand wüsste, dass Dooorie in Wahrheit Zapfenstielzchen ist, uiii, das gäbe aber…

nichts. Wetten, dass?

Ich schreibe diese Zeilen für eine unbekannte Kollegin, die es für nötig befunden hat, sich mit farbigen Ausdrucken aus diesem Blog in der Institution, in der Zapfenstielzchen arbeitet noch weitere Feinde zu machen. Ich werde hier nichts löschen, liebe Kollegin. Und ich wünsche weiter viel Spaß bei der Lektüre.

fragte mit leicht fassungsloser Stimme ein anderer Newbie auf der Fanbusfahrt nach Köln, als wir uns abends nach dem Spiel am Bus versammelt hatten und auf die Nachzügler warteten. Er hätte früher Fussball gespielt und wär schon verschiedentlich mit Bussen zu Spielen von Männermannschaften gefahren, aber diese Gefasstheit hätte er nie erlebt. Und dass hier die Leute standen und sagten: Frankfurt hat ja auch echt ne tolle Saison gespielt, und sie waren die bessere Mannschaft – das als Turbine-Fans, das machte ihn staunen.

Erklären konnte ich es ihm nicht. Aber empfehlen. Es macht gelassen und verhindert Magengeschwüre. Wahrscheinlich auch bei Männern. Einen Versuch ist es jedenfalls wert.

Diese Gelassenheit eint übrigens offenbar Spielerinnen und Fans gleichermaßen. Anna Felicitas Sarholz postete auf Facebook in musikalischer Weise ihren Kommentar zum Pokalfinale: Gewinnen kann jeder.

Und der Verein scheint sich ihrer Sicht anzuschließen, er setzt eine entsprechende Newsmeldung auf seine Webseite. Das nenne ich souverän verloren.

Und nächstes mal als Sieger!

Meine erste Fanbusfahrt

Wie gut, dass ich irre bin. Wie gut, dass Frau Dr. ebenfalls völlig gaga ist. Denn man muss echt bescheuert sein, um so etwas zu machen: Am Freitag nach einer Arbeitswoche, wenn man gerade von seinen Feierabendbieren so richtig bettschwer ist, den Arsch heben und ihn Richtung S-Bahn bugsieren. Wir sind ja in Berlin, da wird man ja wohl nach 1 Uhr noch mit der S-Bahn zum Zoo kommen. Weil von dortselbst geht um 1:30 der Fanbus nach Potsdam. Dort wird umgestiegen und ein müder Pulk in blau, mit Trommeln, Fahnen, Schals und Rasseln ausgestattet, ergießt sich in die bereitstehenden Busse. Das ist der Plan.

Mir ist ein wenig mulmig, wie wohl die Realität zu dem Plan so wird, jetzt, kurz vor dem Start. Ich wär schon ein wenig versucht, zu kneifen. Was natürlich nicht geht, gar nicht geht. Da musste jetzt durch.

Teil 1 des Plans funktioniert schon mal perfekt. Wir kommen am Zoo aus der S-Bahn und sehen Leute mit blauen Trikots und Schals neben einem Bus mit einem Fanschal im Fenster. Müde klettern wir in das Gefährt, das für die nächsten 28 Stunden quasi unser Zuhause sein wird.

Frau Dr. in vollem Ornat - und müde

Frau Dr. in vollem Ornat - und müde

Ich in vollem Ornat - und nicht viel wacher

Ich in vollem Ornat - und nicht viel wacher

Mit unseren aufblasbaren Nackenkissen können wir zumindest stundenweise halbwegs pennen. Vier Stunden sind es vielleicht, dann wird es zu hell und der Busfahrer schmeißt die Musik an. Immer abwechselnd eine Stunde Disco-Oldies wie Abba und Supertramp, dann wieder Schlager von der grauenhaftesten Sorge. Als wir uns dem Ziel Köln nähern, versucht der Fahrer es mit den Höhnern, aber beim preussischen Publikum springt der Funke sowas von gar nicht über. Viele sind, wie man den Gesprächen an Bord entnehmen kann, zum ersten Mal in Köln.

Die Folgen von Akustik-Folter mit Schlagermusik

Die Folgen von Akustik-Folter mit Schlagermusik

Immerhin, auf den letzten Metern durch Köln wirft der Fahrer noch mal die Turbine-Hymne ein, und die Fans singen mit: „Und rollt die Lawine vor, fällt bald ein Turbine-Tor. Jeder irrt sich der da spricht, so schnell schießen Preußen nicht. Die Langen Kerls sind lange schon passé, wir haben ja den 1. FFC!“

Nach dem Aussteigen machen wir uns selbständig, erst in der Hoffnung auf einen Brunch in der Brennerei Weiß, die bitter enttäuscht wird – ist offenbar nur Sonntags, wenn überhaupt noch. Also fahren wir zum Ebertplatz und suchen die Bäckerei épi auf, in der Neusser Straße 32. Hier ist ein echtes Stück Frankreich in Kölle zu Hause, die gigantischsten Croissants, Baguettes, und kleine Kügelchen aus Brandteig mit Hagelzucker drauf zum Kaffee.

Irgendwie muss man die Zeit bis zum Anstoß rumbringen. Wir spazieren den Rhein entlang, aber mich zieht es dann doch zum Müngersdorfer Stadion, das jetzt wie alle Stadien einen neuen Namen, nämlich den Namen von irgend so einem bescheuerten Unternehmen hat, welcher mir nicht über die Lippen kommt.

Wir verpassen ausgerechnet das geilste vom Vorprogramm, unter dem Titel Retro kicken ein paar ehemalige Nationalspielerinnen. Bis wir es geschnallt haben ist es zu spät und die Damen haben sich verstreut. Immerhin gelingen mir noch ein paar Schnappschüsse von Silke Rottenberg.

Silke Rottenberg im Gespräch mit Fans

Silke Rottenberg im Gespräch mit Fans

Annike Krahn hält einen Plausch mit ihren Ex-Kolleginnen, nachdem sie ihre Pflicht am Autogrammstand erledigt hat.

Was Silke Rottenberg und Saskia Bartusiak wohl so plauschen?

Was Silke Rottenberg und Annike Krahn wohl so plauschen?

Auf einmal schiebt sich Alex Popp in Begleitung einer ganzen Meute mit den Fanfreundschafts-Schals Turbine-Duisburg um den Hals durch die Menge. Ehe ich den Fotoapparat zücken kann, ist sie schon untergetaucht. Ein Mann stupst mich an und fragt, wer das war, das Gesicht käme ihm bekannt vor. Ich sage: Das war die Torschützenkönigin der U-20-WM und Nationalspielerin Alexandra Popp. Leider in Duisburg spielend und nicht in Potsdam. Vielleicht ändert sich das ja noch mal…

Wir müssen noch ein paar Songs von Michael Holm durchstehen. Auf der Bühne hüpfen 1. FC-Köln-Cheerleader im Grundschulalter herum, während Amateurmannschaften irgendwelche Pokale für ihr Gekicke auf den Stadion-Vorwiesen bekommen. Wir trinken uns die Sache schön, so gut es geht.

Überflüssig wie ein zweiter Kropf: Das Rahmenprogramm des DFB

Überflüssig wie ein zweiter Kropf: Das Rahmenprogramm des DFB

Endlich, im Stadion, riecht die Athmosphere endlich nach Fußball. Wir haben großartige Plätze. Richtige Sessel. Unser Turbine-Sitzkissen wird nicht gebraucht. Die Reihen des Fanblocks füllen sich langsam.

Micha und ein paar der Leute aus unserem Bus

Micha und ein paar der Leute aus unserem Bus

Mich quatscht ein Hochschullehrer aus der Sporthochschule Köln an, der hier am Rande des Spiels eine Umfrage macht. Er dürfe auf der Tribüne seine Fragebogen nicht verteilen, ob ich ihm helfen könne. Ich mache es mit dem Argument: Ey, der Typ ist der Betreuer von Viola Odebrechts Diplomarbeit. „Für Viola machen wir das!“ rufen etliche Leute und füllen brav die Zettel aus. Auch Frau Dr. und ich natürlich. Ich schreibe da rein, dass das Vorprogramm des DFB für mich so attraktiv wie die Beulenpest ist. Und dass die gottverdammtenscheißöffentlichrechtlichen Sender gefälligst mehr Fußball von Frauen bringen sollen.

Umfragen für Viola - ich mache mich zum Heinz für die Wissenschaft

Umfragen für Viola - ich mache mich zum Heinz für die Wissenschaft

Schließlich kommen unsere Stars und machen sich warm. Die Konzentration ist so nah zu spüren, man fühlt sich hier tatsächlich dichter dran als im kleinen Karl-Liebknecht-Stadion zu Hause. Ich zücke meine Kamera und halte den Zauber der Anspannung vor dem Spiel fest.

Im Vordergrund Corinna Schröder, Links hinten Bajmaraj und Mittag

Im Vordergrund Corinna Schröder, Links hinten Bajmaraj und Mittag, rechts Monique Kerschowski

Yuki Nagasato, die spätere Torschützin

Yuki Nagasato, die spätere Torschützin

Anja Mittag, Lira Bajmaraj und Josephine Henning, wenn ich das richtig sehe

Anja Mittag, Lira Bajmaraj und Tabea Kemme, wenn ich das richtig sehe

Josephine Henning und Viola Odebrecht

Josephine Henning und Viola Odebrecht

Monique Kerschowski winkt Felicitas Sarholz - die ein schlechtes Spiel machen wird

Monique Kerschowski winkt Felicitas Sarholz - die ein schlechtes Spiel machen wird

Aber Hoppla, auf einmal kommt Alex Popp vorbei, erklimmt die Tribüne und nimmt weiter oben Platz. So komme ich doch noch zu meinem Foto von ihr.

Lieber Fußballgott. Mit dem 1. FFC Duisburg ist zur Zeit nicht so viel los. Bitte mach, dass Alex nächste Saison nach Potsdam wechselt.

Alex Popp, der "Popp-Star" der U 20 WM war mit dem Verein zuletzt eher glücklos

Alex Popp, der "Popp-Star" der U 20 WM war mit dem Verein zuletzt eher glücklos

Die Mädels auf der Bank machen einen etwas gelösteren Eindruck als die auf dem Feld

Die Mädels auf der Bank machen einen etwas gelösteren Eindruck als die auf dem Feld

Der verkrampfteste Moment eines jeden Fußballspiels ist das Hymnensingen. Man müsste mal die Einlaufkinder fragen, ob die Damen hinter ihnen ihnen die Finger in die Schultern krallen. Einige machen das bestimmt…

blüh im Gla-han-ze dieses Glü-hü-ckes

blüh im Gla-han-ze dieses Glü-hü-ckes

Schon bald nach dem Anpfiff wurden die Potsdamer Befürchtungen wahr, es gab den ersten Gegentreffer durch ein Versagen der tief schlafenden Potsdamer Abwehr. Auch die Heldin von Getafe, Felix Sarholz sah bei diesem und dem zweiten Treffer in Halbzeit zwei nicht besonders gut aus. Ein zweiter Ausgleichstreffer für Potsdam wurde nach einem Einspruch der Linienrichterin wegen angeblicher Behinderung der Torhüterin Natze Angerer nicht gegeben – klare Fehlentscheidung, aber ein Ergebnis. Letzlich war das 2:1 für Frankfurt aber nicht unverdient, die Mannschaft spielte präziser und effizienter, unser Sturm war wackelig und Anja Mittag hatte überhaupt keinen guten Tag. Lira Bajmaraj wiederum war durch die Frankfurter Abwehr stets mit 3 Gegnererinnen lahmgelegt, so bald sie sich dem Frankfurter Strafraum auch nur näherte. Isabel Kerschowski, zu spät eingewechselt, versuchte das mit ihrer unglaublichen Kraft und Schnelligkeit noch aufzuknacken, aber ihre Pässe fanden nicht die Abnehmer. Tja Folks.

Nach dem Spiel: Felix knuddelt ihre Mutti und badet in der Menge

Nach dem Spiel: Felix knuddelt ihre Mutti und badet in der Menge

Felix Sarholz macht mich glücklich, als ich mich mit dem Edding bewaffnet nähere: Jetzt ziert ein Autogramm mein Trikot. „Silber im Pokal ist doch auch nicht schlecht“, antwortet sie auf meine Bemerkung, dass das nächste Spiel wieder ein Sieg wird. Unzufrieden wirkt sie nicht. Aber einen Anschiss vom Trainer hat sie bestimmt noch bekommen. Würde mich wundern, wenn nicht.

Auch Lira Bajmaraj verteilt Autogramme, neben ihr ein Fan mit kroatischer Flagge

Auch Lira Bajmaraj verteilt Autogramme, neben ihr ein Fan mit kosovarischer Flagge

Lira nimmt neben einer Freundin oder Verwandten ein Bad in der Menge, die eine kosovarische Flagge, schwarzer Adler auf rotem Grund, in der Hand hält.

Schließlich treten wir den Fußmarsch zurück zu unserem Bus an, es ist eine ziemliche Strecke. Pünktlich starten wir gen Berlin, die Stimmung im Bus ist verhalten. Vor uns fachsimpeln sie über das Spiel, und Verschwörungstheorien werden auch zirkuliert. Lira wolle nach Frankfurt wechseln, deshalb habe sie nicht richtig angegriffen. Solche Art Klatsch ist wohl leider unvermeidlich. Interessant auch, dass die Verschwörungstheoretiker davon ausgingen, dass Lira Coco Schröder mitnimmt, wenn sie geht.

Um vier Uhr Sommerzeit waren wir am Zoo, und wir gönnten uns ein Taxi nach Hause. Mein Fazit: Obwohl diese Fahrten verdammt anstrengend sind, muss ich noch mal eine machen. Schon allein deswegen, weil ich die Athmosphere im Bus nach einem Sieg erleben will.

Ehrlich gesagt, mehr als zwei. Aber weil man ebenso leicht an zu geringem Ehrgeiz scheitern kann wie an zu großem, habe ich mit zwei Projekten angefangen. Ich will einen Zwischenbericht zu meinen Erfahrungen geben.

Vielleicht ist es die Fernwirkung von Nepal. Ich reflektiere mein Einkommen. Ich finde meinen Wohlstand unglaublich. Ich mache mir bewusst, dass ich mehr besitze als ich brauche. Ich finde, das muss Konsequenzen haben.

Also passte ich zuallererst meinen Gewerkschaftsbeitrag und meinen Beitrag für die Partei, in der ich Mitglied bin kräftig nach oben an. Ich überwies einen Schwung Geld an Flattr, um mit Micropayments zu unterstützen, was unterstützenswert ist. Aber das waren nur Einzelaktionen. In zweierlei Hinsicht will ich mein Leben ändern.

Erstens: Ich kaufe kein Fleisch mehr aus konventioneller Massentierhaltung. Nie wieder. Ich kaufe wenn Fleisch, nur Bio, am Besten Neuland oder ein anderes zertifiziertes Label, weil „Bio“ zu lasch ist. Ich esse weniger Fleisch, um eine geringere ökologische Last für den Planeten zu sein. Aber ich verwende mein Geld für eine andere Art und Weise, Nahrung zu produzieren und mit Tieren umzugehen. Nicht weil es besser schmeckt (das tut es auch). Sondern als politische Entscheidung. Weil ich mir das leisten kann, sehe ich mich dazu verpflichtet.

Zweitens: Ich trainiere mir mühsam etwas ab, was ich mir in jahrelanger Übung angeeignet hatte. Die furchtbare Unsitte des Großstädters, achtlos am Elend links und rechts vorüberzugehen. Die Leichtigkeit des Nein-Sagens, des nicht-in-die-Augen-Schauens, des genervt Vorbeihastens. Schon wieder ein „Vortragsreisender“ der in der Bahn sein Verslein von der Obdachlosenzeitung sowieso aufsagt, dachte ich. Ich fühlte mich mit mit meinen Sitznachbarn eins in dem Gefühl der Belästigung. Das muss ich mir doch nicht gefallen lassen, dachte ich. Ich nam eine Haltung ein, die eigentlich der schwarzen Pädagogik zuzurechnen ist: Dir werd’ ich das Betteln abgewöhnen, Du Schlingel, du kriegst von mir nichts! Ich lasse mich doch nicht nötigen zu einem schlechten Gewissen, beschloss ich. Und hatte es nicht. Zu unrecht.

Denn wie einfach ist eine kleine Geste, so, wie ich sie jetzt praktiziere. Alles messingfarbene Kleingeld geht in eine leicht erreichbare Tasche meiner Jacke. Jeder Erwachsene, der darum bittet bekommt einen kleinen Betrag aus dieser Tasche, was man so greift, blind, ohne großes Bohei. Nur Kindern gebe ich nie Geld, denn die Wahrscheinlichkeit ist zu groß dass es sich bei bettelnden Kindern um ausgebeutete Sklaven handelt.

Muss ich mir denn Gedanken machen, ob der elende Mensch meine 70 Cent vertrinkt? Selbst wenn er es tut, ist es doch seine Sache. Mehr als die Summe zählt die Geste. Der Akt der Freundlichkeit. Ich sehe Ihre Not, sage ich damit, ich habe Mitgefühl. Ich sage das mit Geld, nicht mit Worten. Die Beschenkten verstehen es, glaube ich. Sie verstehen zumindest, dass ich nicht weghöre und wegsehe. Und das ist doch schon sehr viel.

Was mich am allermeisten erstaunt ist, wie wenig Geld dabei drauf geht. In der Woche vielleicht drei Euro, obwohl ich täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin. Mir kam die Bettelei so viel maßloser vor, als ich mich noch angestrengt habe, sie zu ignorieren. Ich hätte gedacht, dass der Vorsatz, wirklich jedem Bettler jedes Mal wenigstens einen halben Euro zu geben das zehnfache kostet, mindestens.

Ich glaube, wir unterschätzen unsere Möglichkeiten, großzügig zu sein. Man könnte es auch Geiz nennen.

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